Die Linke.SDS Köln

Der faule Zauber des Pragmaticus

Freitag 30. März 2012 von Ш.Ю. Голц

Pragmatismus gilt vielen als bessere Alternative zur Weltanschauung. Im Folgenden soll jedoch gezeigt werden, dass dies eine naive Auffassung ist. Hierbei werden die charakteristischen „Macken“ der Pragmatiker*innen als Stereotyp in der Figur Pragmaticus zusammengefasst. Der Artikel ist bewusst polemisch, und gegen deren verkappte, konservative Ideologie gerichtet.

Ein Beitrag von Stefan Holz, SDS-Aktivist und Referent für kritische Wissenschaften im AStA der Universität zu Köln.

Was also bedeutet das geflügelte Wort „pragmatisch“? Schlagen wir also mit Rücksicht auf das schlichte Gemüt unseres lieben Pragmaticus im Duden nach, idealerweise dem für Kinder: pragmatisch bedeutet nichts anderes als zweckmäßig. Eine Handlung ist demnach pragmatisch, wenn sie das geeignete Mittel ist, einen bestimmten Zweck zu erreichen. Folglich kann pragmatisches Handeln gut sein, wenn es moralischen Zwecken dient, aber auch schlecht, wenn der Zweck ein solcher ist. Voilà tout.

Es leuchtet nun unmittelbar die Sinnlosigkeit des Begriffspaares „pragmatische Lösung“ ein. Eine unzweckmäßige Lösung ist keine Lösung, und von einer Lösung zu sagen, sie sei zweckmäßig, und daher tatsächlich eine Lösung, ist ohne Beweis trivial.

Unser Pragmaticus wird nun einwenden, dies sei nur die Grundbedeutung des Begriffes, die wohl den Redegewohnheiten in der Wissenschaft entsprechen mag, aber nicht der seinen entspreche. Sein Verständnis des Pragmatischen sei umfassender.

Dem ist zu entgegnen, dass er den Begriff nachweislich immer im Sinne von zweckmäßig verwendet, jedoch in verschiedenen Kontexten. Die Inhalte des Kontextes werden dabei mit dem Begriff vermengt, so dass das Wort zur Phrase verkommt. Bei Pragmaticus ist „pragmatisch“ gleichsam Teil eines Zauberspruchs, der alles und jedes rechtfertigt.

Alles relativ?

„Ihr Ideologen“ klagt Pragmaticus an, „ihr glaubt euch im Besitz der absoluten Wahrheit. Wer anderer Meinung ist und auf euch trifft, hat’s nicht leicht. Da wird stundenlang geredet, doch ihr sturen Rindviecher bewegt euch kein Stück vorwärts. Darum gehen die Leute euch auch lieber aus dem Wege.“

Pragmaticus sieht sich selbst als Mann der Praxis. Für theoretische, gar philosophische Überlegungen ist da kein Platz. Eine Weltanschauung ist für ihn etwas böses, eine Ideologie. Bloßes Bücherwissen, vollkommen wertlos gegenüber der Erfahrung im hier und jetzt. Demnach wäre es nur pragmatisch, sich von solchen Debatten fern zu halten.

Sind Weltanschauung und Ideologie ein und dasselbe? Wir verneinen dies. Eine Weltanschauung bildet sich aus den gesamten Überzeugungen einer Person, die unabhängig davon, ob sie nun wahr oder falsch sind, ein logisches System bilden. Dies geschieht vollkommen unwillkürlich. Die Entwicklung einer Weltanschauung gehört zum Wesen des menschlichen Geistes. Eine Ideologie hingegen geht weiter und behandelt die Gedanken wie Gesetze der Physik, so dass am Ende eine (Pseudo-)Wissenschaft steht, die sich als einzig wahre Weltanschauung präsentiert.

Pragmaticus hält alle Weltanschauungen für relativ, alle für gleich dumm. Alle? Alle bis auf seine eigene. Und das ist der Zaubertrick.

Seine Gleichsetzung von Weltanschauung und Ideologie führt ihn dazu, dass er alle weltanschaulichen Debatten scheut. Das verhindert aber nicht, dass sein Geist eine solche konstruiert. Der Mangel an alternativen Sichtweisen lässt ihn mit seiner eigenen Weltanschauung alleine, was ihn in die Zwickmühle führt, entweder auf ein Urteil verzichten oder aber ideologisch urteilen zu müssen. Denn wenn er seine wohlbehüteten Überzeugungen als wahr setzt, die doch nie zur Debatte standen, was macht er dann anderes als der Ideologe? Zweckmäßig ist dieses Verhalten allemal nicht.

Durchboxen von Entscheidungen

„Genug!“ schreit Pragmaticus, knallt die Faust auf den Tisch, dass einige Biergläser zu Bruch gehen. Den Kopf in die Schultern gezogen, mit beiden Armen aufgestützt, blickt er wie eine Bulldogge auf die Kollegin Vera. Es tut seine Wirkung; sie schreckt vor dem kläffenden Fleischberg zurück. „Schluss jetzt! Wir streiken und damit Basta!“ – „Aber…“ entgegnet sie. – „Nichts aber! Wir hören uns jetzt seit ‘ner halben Stunde dein Gequatsche an und bei allem hin und her, kommt doch nichts dabei rum! Kolleginnen und Kollegen: Wir streiken!“ – Tosender Beifall.

Was ist hier geschehen? Pragmaticus und die Kollegin Vera streiten darum, welche Forderung die Gewerkschaft stellen soll. Sie tut dies, indem sie versucht eine detaillierte Darstellung der Situation zu geben und daraus das zweckmäßige Vorgehen abzuleiten. Er argumentiert nicht sachlich dagegen, sondern setzt auf sein Ansehen in der Gewerkschaft, in der er seit Jahren respektiert wird und deren Vorsitz er inne hat.

Max Weber bezeichnet einen Führungsstil wie den von Pragmaticus als charismatisch, hingegen den Veras als rational. Vera setzt auf das reine Argument. Die Leute sollen ihrer Vernunft und nicht ihr gehorchen. Im Gegensatz dazu fußt sein Anspruch auf seinem Charisma, d.h. seiner individuellen Tugendhaftigkeit als Anführer. Dies ist dasselbe, was Machiavelli und Nietzsche Virtù nennen.

Mahnendes Beispiel für die Irreführung durch Charisma: Der Lügenbaron Guttenberg gibt den coolen Rocker

Unser lieber Pragmaticus bezeichnet sein Vorgehen als pragmatisch, da er die Forderung nach dem Streik für zweckmäßig hält. Also gleich doppelt pragmatisch? Kruzifix!

Aber da rächt sich sein fauler Zauber: Er mag die Forderung für zweckmäßig halten, doch der Glaube allein macht sie noch nicht zweckmäßig. Die Frage, ob eine Handlung tatsächlich zweckmäßig ist, ist eine solche, zu deren Beantwortung Beweise gebracht werden können. Nehmen wir nun in unserem Beispiel von oben an, dass sich Pragmaticus trotz seiner hundertfältigen Erfahrung irrt, so hätte er diesen Irrtum einsehen können, wenn die Kollegin Vera hätte weiterreden dürfen. Das hat sie aber nicht, weshalb er jetzt seine hundert-und-einfältige Erfahrung machen wird.

Der faule Zauber besteht darin, dass Pragmaticus seine Überlegung mit einem Vorurteil darüber beginnt, was er für zweckmäßig hält, die Möglichkeit eines Irrtums ausschließt und folgert, dass es daher ebenso zweckmäßig sei, wenn seine Sicht der Dinge von einer charismatischen Persönlichkeit durchgeboxt wird.

Dass eine solches „Durchboxen“ ganz und gar unzweckmäßig sein kann, ergibt sich bereits aus dem breitgetretenen Sachverhalt, dass die vorgefasste Meinung nicht notwendigerweise wahr ist. Aber es gibt noch einen zweiten Grund, der gegen es spricht und wesentlich schwerer wiegt: Je häufiger die Entscheidungsfindung in einem Kollektiv nach diesem Muster verläuft, desto mehr werden seine Mitglieder dem eigenständigen Denken entwöhnt und desto abhängiger werden sie von der charismatischen Persönlichkeit, die sich ihre Spitze stellt. Es entsteht somit eine Eigendynamik, welche die Macht der charismatischen Persönlichkeit aus sich selbst heraus immer weiter steigert, das Kollektiv immer autoritärer werden lässt.

Sollen die Angehörigen eines Kollektivs freie Menschen sein, muss für dieses Kollektiv die Regel gelten, dass ein „Durchboxen“ der oben geschilderten Art wenn nicht völlig verboten, so doch nur in Notfällen gestattet sein darf, die binnen kürzester Zeit eine Entscheidung erfordern.

An sich erstrebenswert oder gar als pragmatisch zu begrüßen ist es nicht.

„Realpolitik“ oder Reorganisation

Pragmaticus versucht sich auch als Politiker. Da ihm die Kritik an ihm nicht entgangen ist, hat er sich vorsorglich mal ein Buch besorgt: Martin Seligers „Ideology and Politics“. Das hat er zwar nicht ganz verstanden, aber das macht ja nichts. Wichtig ist doch, dass der Pragmatismus darin so gut weg kommt, denn „Erfolg ist Erkenntnis“.

Seligers, an Hegel orientierter Gedankengang kann als Dreischnitt dargestellt werden:

Ideal vs. Macht → Pragmatismus

Zuerst entsteht das Ideal. Es sagt uns, wie die Dinge sein sollen. Zur Verwirklichung des Ideals bedarf es der Macht. Nun sind aber die Bedingungen, um Macht zu erlangen aber oft der Art, dass sie es erforderlich machen, einen Teil des Ideals zu verneinen. Soll der wichtigere Teil des Ideals verwirklicht werden, so muss der weniger wichtige wegfallen, wodurch der Widerspruch in einer Synthese aufgehoben wird, die ein neues pragmatischeres, auf die wesentlichen Aufgaben konzentriertes Ideal bildet.

Diese spekulative Überlegung ist durchaus plausibel. Wären wir objektive Idealisten, wir müssten uns geschlagen geben und den Führungsanspruch von Pragmaticus anerkennen. Francis Fukuyama beispielsweise, der Prophet vom Ende der Geschichte, tut dies.

Glücklicher Weise sind wird aber über die Hegel’sche Spekulation hinausgewachsen. Es gelang Karl Marx und nach ihm, aber in methodisch gelungenerer Form, Georg Klaus die Spekulation auf ihre empirisch fassbare Wurzel zurückzuführen: Die Feed-Back-Relation. Prozesse, in denen die Wirkung auf die Ursache zurückwirkt.

So können wir also die Rückwirkung der Machtausübung auf das Ideal als Feed-Back-Relation betrachten, und überprüfen, ob sich das Versprechen des Pragmaticus erfüllt, dass sich das Ideal weiterentwickeln werde. Beispiele finden sich genug.

In einer westlichen Gesellschaft vollzieht sich die Wechselwirkung etwa in der folgenden Form:

Zuerst entsteht eine Gruppe, die bestimmte Ziele erreichen will. Die gemeinsamen Anschauungen der Gruppe bilden ihr Ideal, wobei jedoch die Spannung innerhalb der Gemeinschaft erhalten bleibt. Erfordern die Ziele der Gruppe Macht, wird sie sich als Wahlliste oder Partei organisieren. Dies führt im Regelfall dazu, dass sie anschließend mit anderen Gruppen zu einem gemeinsamen Ideal finden muss. Unabhängig davon, wird immer nur ein Teil der Gruppe Macht erhalten, so dass Ungleichgewichte entstehen. Schließlich ergibt sich ein letztes Drittel von Rückwirkungen auf die Gruppe aus gescheiterten Vorhaben.

Diese Rückwirkungen richten sich nun auf die Spannung innerhalb der Gruppe. Wenn es wichtige und weniger wichtige Teile des Ideals gibt, so erfordert dies eine Wertung dieser Teile, die in der Gruppe ungleich ausfällt. Es entstehen Fraktionen. In gleicher Weise wirken Ungleichgewichte, die durch die gehobene Stellung einzelner Personen eine Fraktion erzeugen können, und/oder das Gerangel der Fraktionen fördern.

Ebenso stößt die Gruppe durch diese Veränderungen alte Mitglieder ab, während sie anderseits neue Mitglieder anzieht.

Es kommt also weniger zur Erleuchtung durch den Pragmatismus, als viel mehr zu einer Neuordnung der Gruppe, auf die im Laufe der Zeit immer weitere Neuordnungen folgen werden. Und die Art und Weise der Reorganisation wird sich dann, wenn die Fraktion von Pragmaticus am Ruder ist, die den Zeitgeist mit der Wirklichkeit gleichsetzt und jede kritische Diskussion niederknüppelt, mehr und mehr nach der Macht richten, die Partei schließlich konservativ werden lassen.

Schluss

Fügen wir nun die genannten Aspekte zusammen, wird der ganze faule Zauber sichtbar. Pragmaticus gibt sich ideologiekritisch und wollte angeblich gegen die Vereinnahmung des Menschen durch Weltanschauungen kämpfen. Aber die absolute Verneinung aller weltanschaulichen Debatten, führt zur naiven Übernahme des Zeitgeistes, der selbst wiederum eine Weltanschauung ist. Der „pragmatische“ Führungsstil erstickt den eigenständigen Gedanken, und bündelt die ganze Entscheidungskompetenz bei charismatischen Persönlichkeiten, die wie Stars verehrt werden. In Verbindung mit der Wechselwirkung von Ideal und Macht schließlich, entsteht ein System mit zwei konservativen, stramm geführten Parteien, das kaum noch beweglich ist.

Das, was Pragmaticus unter „Pragmatismus“ versteht, kann zusammenfassend als zutiefst philosophiefeindliche Grundhaltung beschrieben werden, die zu einer durch Arroganz überspielten, naiven Denkweise und Anhänglichkeit gegenüber charismatischen Machtmenschen führt.

Diese Ideologie ist eine ernstzunehmende Bedrohung der Demokratie und auf das entschiedenste zu bekämpfen.

Literatur:

Kwiatkowski, G. (Hg.): „Schülerduden Philosophie“, Sammlerexemplar mit Widmung („Für Pragmaticus“), Mannheim 2002

Weber, M.: „Die drei reinen Typen der legitimen Herrschaft“, in: GAW 475–488, Stuttgart 1988

Seliger, M.: „Ideology and Politics“, Jerusalem 1976

Fukuyama, F.: „The end of history and the last man“, New York 1992

Klaus, G.: „Kybernetik in Philosophischer Sicht“, Berlin (Ost) 1961


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