Die Linke.SDS Köln

„Bildung und Wissenschaft im Kapitalismus“ bei Sablowski und Kapfinger

Sonnabend 22. Oktober 2011 von Genosse Volja

Der Inhalt dieses Textes bezieht sich im Wesentlichen auf einen Text von Emanuel Kapfinger und Thomas Sablowski und eignet sich zum Vortragen. Titel und Thema sind: „Bildung und Wissenschaft im Kapitalismus“ (Original im Anhang)

Der Text hat ein doppeltes Ziel: einerseits die Kritik der Verhältnisse, die das Hochschulwesen betreffen und andererseits die Kritik „idealistischer Alternativvorstellungen“ zum Hochschulwesen. Als Beispiel für solche Alternativvorstellungen sei Derridas Konzept einer „unbedingten Universität“ genannt. Dieses zielt auf die Loslösung des universitären Betriebs von der Gesellschaft, im Grunde also auf eine Wiedergeburt der „Elfenbeinturm-Universität“, in der sich Akademiker vor der nicht-akademischen Welt fern zu halten suchen. Im Laufe des Vortrages sollte klar werden, weshalb diese Alternativvorstellung unrealistisch und auch nicht erstrebenswert ist. Zunächst werde ich die Beziehung von Bildung, Wissenschaft und kapitalistischer Produktionsweise thematisieren, danach die Hochschulreformen der letzten Jahre.

Bildung und Wissenschaft unter kapitalistischen Bedingungen

Wissenschaft im Allgemeinen hat zum Ziel die Produktion von nutzbarem Wissen, während Bildung Grundlage für anwendbare Arbeitskraft ist. Zur fortschreitenden Entwicklung der Produktion, zur Steigerung der Produktivität, sind Bildung und Wissenschaft notwendig. Beide sind Teil des Produktionsprozesses von Gesellschaft. Im Kapitalismus aber sind Wissenschaft und Bildung auch auf die Mehrwert-Produktion bezogen. Ohne fortschreitende Mehrwert-Produktion gibt es im Kapitalismus keine Entwicklung der Produktion, gibt es überhaupt keine Produktion. Die Produktion muss ja für das Kapital lohnend sein. Kapitalistische Verwertbarkeit ist also grundsätzlich eine Voraussetzung für Bildung und Wissenschaft im Kapitalismus. Verwertbarkeit ist aber auch eine Schranke für beide. Daher kann es passieren, dass wichtige gesellschaftliche Bedürfnisse nicht befriedigt werden, wenn sie nicht zahlkräftig sind, während fragwürdige Bedürfnisse – Rüstungsforschung, Krieg, Ausbeutung, staatliche Unterdrückungsmethoden – vermittelt über Geld befriedigt werden.

„Bildung und Wissenschaft müssen also gesellschaftlich nützlich sein – aber unter dem Diktat des Marktes und unter den Bedingungen von Herrschaft und Ausbeutung.“

Trotz der grundsätzlichen Vorgabe zur Mehrwert-Produktion entzieht sich der Produktionsprozess auch im Kapitalismus immer wieder Vorgaben. Zur spezialisierten Produktion ist immer auch eine gewisse Vielseitigkeit, Kreativität und Eigenständigkeit der Arbeitskraft nötig. Daher müssen Bildung und Wissenschaft Allgemeinbildung, vom jeweiligen Arbeitsprozess unabhängiges allgemeines Wissen vermitteln. Dieser Aspekt des Allgemeinen ist unberechenbar und unkontrollierbar. Er ist aber auch im Kapitalismus unvermeidbar.

Diese Unberechenbarkeit von Bildung und Wissenschaft erklärt, wieso der Staat zum großen Teil beide sicherstellt. Für das einzelne Privatkapital ist Forschung, vor allem Grundlagenforschung, riskant. Ein Forschungsergebnis ohne konkrete Verwertbarkeit kann den Ruin bedeuten. Fortschritte in der Forschung sind für das Kapital aber allgemein notwendig, um die fortschreitende Mehrwert-Produktion zu sichern. Der einzelne Staat muss also Grundlagenforschung sicherstellen, um das Kapital zu halten und ökonomische und soziale Stabilität zu gewährleisten. Er nimmt dadurch den Einzelkapitalen das Verwertungsrisiko ab. Allerdings geschieht das nicht umsonst. Der Staat muss sich durch Steuern bzw. staatliche Verschuldung finanzieren und das bedeutet für die Einzelkapitale: Abzug vom Mehrwert. Diese Abzüge wiederum wollen die Einzelkapitale möglichst reduzieren.

„Die Entwicklung der Wissenschaft und der staatlichen Wissenschaftspolitik ist also permanent durch den Widerspruch gekennzeichnet, dass das Kapital ein Interesse an verwertbaren Forschungsergebnissen hat, zugleich jedoch danach strebt, die Forschungsausgaben möglichst zu reduzieren.“

Bei der Bildung ist es ähnlich. Für das einzelne Privatkapital ist Ausbildung teuer und riskant. Die ausgebildete Arbeitskraft könnte nach der Ausbildung zum Konkurrenten wechseln. Außerdem ist der Prozess der Allgemeinbildung sehr langwierig und schwer zu rationalisieren und zu kontrollieren. Das einzelne Kapital hat auch kein Interesse daran, an Arbeitskräfte gebunden zu werden. Praktisch ist es da, wenn der Staat allgemein gebildete Arbeitskräfte ausbildet, die für die verschiedenen Einzelkapitale von Nutzen sein können und nur noch spezifisch ausgebildet werden müssen. Dadurch teilen sich die Einzelkapitale die Vorteile, die die staatliche Übernahme der Schul- und Berufsbildung ihnen gewährt, während sie wenig Risiken und geringe Bindung an die Arbeitskräfte haben. Aber auch hier hat das Kapital ein Interesse daran, dass der Staat die Bildungsausgaben möglichst drückt, da sie durch Besteuerung des Kapitals finanziert werden.

Der Staat muss, um stabil zu bleiben, die Interessen des Kapitals befriedigen. Er selbst ist daher zerrissen zwischen den notwendigen Ausgaben für Bildung und Wissenschaft und der Schonung des Haushaltes. Zu hohe Ausgaben in die Bildung der Arbeitskräfte sind für das Kapital unrentabel und schädigen somit auch den Staat. Der Staat muss daher versuchen, die Bildung der Arbeitskräfte effizienter zu gestalten – schneller, billiger, passgenau. Unrentable Bildungsprozesse müssen daher unterdrückt oder vermieden werden.

Die Arbeitsteilung ist ein weiteres Problem der kapitalistischen Produktionsweise. Um möglichst viel Mehrwert zu erwirtschaften, ist nicht die freie und andauernde Entfaltung der Arbeitskräfte nötig, sondern eine mehrfache Einteilung der Arbeitskräfte – eine horizontale Einteilung nach Berufen, Fächern und eine vertikale Einteilung in eine Masse von ausführenden, eher körperlich tätigen Arbeitskräften und in eine Elite leitender, geistiger Arbeitskräfte. Diese Einteilungen sind schlicht günstiger. Legitimiert werden die Einteilungen durch Zeugnisse – teils schon im Kindergarten, natürlich in der Schule und in höheren Bildungsanstalten. Diese Zeugnisse klassifizieren den Wert und Unwert von Arbeitskräften und selektieren entsprechend. Damit wird nicht nur Bildung im großen Stil verhindert, sondern die Spaltung der Gesellschaft in Klassen und Schichten wird so immer reproduziert. Sexistische, rassistische, biologistische und vermeintlich wissenschaftliche Begründungen für Ungleichheiten verschleiern ihre soziale und daher vermeidbare Konstruktion.

Es gibt hierbei also keinen Determinismus, keine Schicksalhaftigkeit von Ungleichheit. Vielmehr sind Bildung und Wissenschaft umkämpft. Interessenkämpfe auf dem Gebiet von Bildung und Wissenschaft sind Teil gesellschaftlicher Klassenkämpfe und entscheidend für Veränderungen.

Die autoritären und neoliberalen Hochschulreformen des letzten Jahrzehnts

Seit Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre gab es solche Interessenkämpfe und entsprechende Veränderungen sowohl im Bezug auf Bildung wie auch im Bezug auf die Gesamtgesellschaft. Es gab gar eine tief greifende Transformation des gesamten Bildungswesens. Die bis dahin übliche „Ordinarienuniversität“, eine von konservativen Professoren dominierte Form der Universität, erwies sich als Hemmnis für die kapitalistische Modernisierung, da sie zu sehr von der Gesellschaft abgekapselt und selbstgenügsam war. Eine Mischung aus ökonomischen, sozialen und demokratischen Motiven – in starkem Maße durch eine Offensive der Lohnabhängigen und Studierenden verstärkt – führte zu Reformen. Im Zuge dieser Reformen wurde Bildung als Bürgerrecht verstanden und die „soziale Öffnung“ der Hochschulen stand an der Tagesordnung. Um diese neuen Motive zu erreichen wurden 1970 in der BRD die damaligen Studiengebühren abgeschafft und 1971 das BAföG eingeführt. Der Anteil der Schulabgänger mit Hochschulreife stieg in den zwei folgenden Jahrzehnten von 11 % auf 37 %, die Zahl der Studierenden stieg von 500.000 auf 1,85 Millionen.

Aber die Reaktion von rechts blieb nicht aus. 1972 wurde der Radikalenerlass verabschiedet, um Sozialisten aus dem öffentlichen Dienst zu verbannen und 1973 wurde juristisch die Mehrheit der Professoren in allen universitären Gremien festgelegt. Die Wirtschaftskrise von 74/75 führte dann auch zum Ende des Hochschulausbaus. Seit dem verdoppelte sich die Anzahl an Studierenden, während das Hochschulpersonal stagnierte. Die damit erzeugte „Überlast“ wurde zum Normalzustand. Der Anteil der Hochschulausgaben am BSP sank von 1,3 % auf 0,9 %. Diese Verschlechterung der Studiensituation durch den selbst eingeleiteten Sparkurs half konservativen Kräften wiederum, Forderungen nach mehr Selektion, Differenzierung und Verkürzung der Studienzeit zu rechtfertigen.

In der Folge bemühten sich Konservative und Wirtschaftsliberale durch verschiedene Gremien, die soziale Öffnung der Hochschulen wieder rückgängig zu machen und das Hochschulsystem wiederum den neuen gesellschaftlichen Anforderungen anzupassen. Anfang der 90er Jahre einigten sich die wichtigsten hochschulpolitischen Akteure – Bundesregierung, Kultus- und Finanzminister der Länder, Hochschulrektorenkonferenz und Wissenschaftsrat – auf Grundsätze zur Umstrukturierung. Das in den 90er Jahren gegründete CHE forderte das Idealbild der „unternehmerischen Hochschule“, eine Disziplinierung der Hochschulen durch Input- und Output-Messung zur Finanzierung und die „Autonomie“ der Hochschulen – in Wirklichkeit die Autonomie der Rektorate. Die Erneuerung des HRG 1997 legte die Hochschulen auf Deregulierung, leistungsbedingte Finanzierung, Differenzierung, Evaluationen, kürzere Regelstudienzeit, Creditpoints, BA/MA-Studiengänge, Leistungsquoten bei Studienplätzen und Hochschulauswahlverfahren fest.

1999 wurde die Bologna-Erklärung von 29 europäischen Bildungsministern unterzeichnet. Diese einigten sich darin auf die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des EU-Hochschulraumes, der Mobilität der Studierenden, ein zweistufiges Abschluss-System und bessere Vergleichbarkeit der Studienleistungen. In Deutschland wurden die alten Studiengänge in Folge praktisch verboten, das Regelstudium wurde auf 10 Semester festgelegt, die 40-Stunden-Woche und das 45-Wochen-Jahr für Studierende zur Norm erhoben, Prüfungen in hoher Zahl studienbegleitend und relative Bewertung eingeführt. Eine Lockerung des Prüfungsdrucks kann das Problem nicht lösen, da das BA-Studium ohnehin schon ein Schmalspurstudium ist.


Bildung und Wissenschaft im Kapitalismus

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