Die Linke.SDS Köln

Zitat der Woche, 20.01.2014: Fritz Engels über Antisemitismus

Montag 20. Januar 2014 von Ш.Ю. Голц

War es in der antisemitischen Gesellschaft des Kaiserreiches üblich Kommunisten als Juden zu brandmarken, so kam es nach 1945 in Mode, den politischen Gegner als Antisemiten hinzustellen. In dem hier zitierten Brief von Friedrich Engels wird noch einmal deutlich, wie dies konkret aussah. Die größte Drecksschleuder war die „Gartenlaube“ – ein feingeistiges Magazin für Gebildete, vergleichbar mit dem heutigen „Cicero“ oder „SPIEGEL“.

Wie aber können aber nun die Gebildeten Antisemiten sein? Spitzfindige Leutchen antworten darauf: Weil sie nicht gebildet sind! Mit derartigen Argumenten brauchen wir uns nicht abzugeben. Der eigentliche Clou bei der Sache ist nämlich der, dass es in Gesellschaften Mythen gibt, die klar definieren, wer dazu gehört und wer nicht. Hochkultur ist einer davon. Im Kaiserreich war die Religion ein weiterer. Wer Jude war, der gehörte nicht dazu. Daraus folgt aber logisch, dass wenn ein Kommunist Jude war, man gar nicht inhaltlich auf den Marxismus eingehen musste, um ihn sozial auszugrenzen. So erklären sich auch die beiden Sachverhalte, dass die „Gartenlaube“ Engels zum Juden erklärt hat, und dass ihr Theodor-Fontane-lesendes Publikum dies glauben konnte bzw. wollte.

Das heutige Deutschland ist fortschrittlicher als das Kaiserreich. Hier jedoch nur wenig. Der mittelständische Antisemitismus hat sich zu einer neuen Hassideologie entwickelt, die sich polemisch zugespitzt wie folgt auf den Punkt bringen lässt: Der Türke ist der neue Jude.

„Der Antisemitismus ist das Merkzeichen einer zurückgebliebenen Kultur und findet sich deshalb auch nur in Preußen und Österreich bzw. Russland. Wenn man hier in England oder in Amerika Antisemitismus treiben wollte, so würde man einfach ausgelacht, und Herr Drumont erregt in Paris mit seinen Schriften – die an Geist denen der deutschen Antisemiten unendlich überlegen sind – doch nur ein bisschen wirkungslose Eintagssensation. Zudem muss er ja jetzt, da er als Stadtratskandidat auftritt, selbst sagen, er sei gegen das christliche Kapital ebenso sehr wie gegen das jüdische! Und Herrn Drumont würde man lesen, wenn er auch die gegenteilige Meinung verträte.

Es ist in Preußen der Kleinadel, das Junkertum, das 10.000 Mark einnimmt und 20.000 Mark ausgibt und daher den Wucherern verfällt, das in Antisemitismus macht, und in Preußen und Österreich ist es der dem Untergang durch die großkapitalistische Konkurrenz verfallene Kleinbürger, Zunfthandwerker und Kleinkrämer, der den Chor dabei bildet und mitschreit. Wenn aber das Kapital diese Klassen der Gesellschaft vernichtet, die durch und durch reaktionär sind, so tut es, was seines Amtes ist, und tut ein gutes Werk, einerlei, ob es nun semitisch oder arisch, beschnitten oder getauft ist; es hilft den zurückgebliebenen Preußen und Österreichern vorwärts, dass sie endlich auf den modernen Standpunkt kommen, wo alle alten gesellschaftlichen Unterschiede aufgehen in den einen großen Gegensatz von Kapitalisten und Lohnarbeitern. Nur da, wo dies noch nicht der Fall, wo noch keine starke Kapitalistenklasse existiert, also auch noch keine starke Lohnarbeiterklasse, wo das Kapital noch zu schwach ist, sich der gesamten nationalen Produktion zu bemächtigen, und daher die Effektenbörse zum Hauptschauplatz seiner Tätigkeit hat, wo also die Produktion noch in den Händen von Bauern, Gutsherren, Handwerkern und ähnlichen aus dem Mittelalter überkommenen Klassen sich befindet – nur da ist das Kapital vorzugsweise jüdisch, und nur da gibt’s Antisemitismus.

In ganz Nordamerika, wo es Millionäre gibt, deren Reichtum sich in unseren lumpigen Mark, Gulden oder Franken kaum ausdrücken lässt, ist unter diesen Millionären nicht ein einziger Jude, und die Rothschilds sind wahre Bettler gegen diese Amerikaner. Und selbst hier in England ist Rothschild ein Mann von bescheidenen Mitteln z.B. gegenüber dem Herzog von Westminster. Selbst bei uns am Rhein, die wir mit Hilfe der Franzosen den Adel vor 95 Jahren zum Land hinausgejagt und uns eine moderne Industrie geschaffen haben, wo sind da die Juden? Der Antisemitismus ist also nichts anderes als eine Reaktion mittelalterlicher, untergehender Gesellschaftsschichten gegen die moderne Gesellschaft, die wesentlich aus Kapitalisten und Lohnarbeitern besteht, und dient daher nur reaktionären Zwecken unter scheinbar sozialistischem Deckmantel; er ist eine Abart des feudalen Sozialismus, und damit können wir nichts zu schaffen haben. Ist er in einem Lande möglich, so ist das ein Beweis, dass dort noch nicht genug Kapital existiert. Kapital und Lohnarbeit sind heute untrennbar. Je stärker das Kapital, desto stärker auch die Lohnarbeiterklasse, desto näher also das Ende der Kapitalistenherrschaft. Uns Deutschen, wozu ich auch die Wiener rechne, wünsche ich also recht flotte Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft, keineswegs deren Versumpfen im Stillstand.

Dazu kommt, dass der Antisemitismus die ganze Sachlage verfälscht. Er kennt nicht einmal die Juden, die er niederschreit. Sonst würde er wissen, dass hier in England und in Amerika, dank den osteuropäischen Antisemiten, und in der Türkei, dank der spanischen Inquisition, es Tausende und aber Tausende jüdischer Proletarier gibt; und zwar sind diese jüdischen Arbeiter die am schlimmsten ausgebeuteten und die allerelendesten. Wir haben hier in England in den letzten zwölf Monaten drei Streiks jüdischer Arbeiter gehabt, und da sollen wir Antisemitismus treiben als Kampf gegen das Kapital?

Außerdem verdanken wir den Juden viel zu viel. Von Heine und Börne zu schweigen, war Marx von stockjüdischem Blut; Lassalle war Jude. Viele unserer besten Leute sind Juden. Mein Freund Victor Adler, der jetzt seine Hingebung für die Sache des Proletariats im Gefängnis in Wien abbüßt, Eduard Bernstein, der Redakteur des Londoner Sozialdemokrat, Paul Singer, einer unserer besten Reichstagsmänner – Leute, auf deren Freundschaft ich stolz bin, und alles Juden! Bin ich doch selbst von der ’Gartenlaube’ zum Juden gemacht worden, und allerdings, wenn ich wählen müsste, dann lieber Jude als ’Herr von’!“ [1]

[1] Karl Marx u. Friedrich Engels: Werke, Bd.22, 1963, (Ost-)Berlin, S.49-51.


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