Die Linke.SDS Köln

Zitat der Woche, 26.12.2011: „Pars pro Toto“ oder die Verabsolutierung des Teils

Montag 26. Dezember 2011 von Genosse Volja

„Geh doch nach drüben!“

- Der Alltagsdogmatiker auf der Straße oder in der WG zum Kommunisten

„Das Wahre ist das Ganze“

- Georg Wilhelm Friedich Hegel

In diesem Aufsatz wird ein wichtiges ideologisches Problem behandelt: die Verabsolutierung, das heißt, die Übertreibung der Bedeutung des Teils gegenüber der Gesamtheit einer Sache. Der Teil wird dabei wie die Gesamtheit behandelt, obwohl er eben nur ein Teil ist. Dieses „Pars pro Toto“ dient der herrschenden bürgerlichen Ideologie als Verschleierungsmittel.

„Der Mensch ist zu schlecht/böse/egoistisch/dumm/faul“ für eine bessere Gesellschaft, sagen resignative Menschen den Linken so gut wie immer in belehrendem Ton, sobald es zu einer Diskussion kommt, die länger dauert als ein Werbespot und gefälligst ein Ende finden soll. Das ist ein klassisches und häufiges Beispiel der Verabsolutierung eines Teils unter Verschleierung der Gesamtheit. Die ganzen guten Seiten des menschlichen Tuns werden kurzsichtiger Weise ausgeblendet. Übrig bleibt dann natürlich nur noch das Schlechte am Menschen. Das empirische Faktum, dass die Menschen sich gegenwärtig und auch historisch nicht immer allzu gut behandelt haben, wird so verabsolutiert. Eine Teilwahrheit wird zur absoluten Wahrheit gemacht. Damit wird aber die Wahrheit durch Unwahrheit, durch Unsinn oder Lüge ersetzt. Krass dabei ist, dass sehr viele Menschen darin die ewige und sehr tiefe Wahrheit erkennen wollen. Die Phrase über den Menschen, der unfähig zu Besserem sei, dient der Selbsttäuschung und Täuschung Anderer. Sie ist Teil des notwendig falschen Bewusstseins der Menschen im Kapitalismus, die nicht wirklich an der Verbesserung und am Fortschritt der Gesellschaft teilnehmen. Sie rationalisieren durch diese Ideologie ihre eigene und die allgemeine gesellschaftliche Misere im Kapitalismus.

„Was, du bist Kommunist? Dann geh doch nach Nordkorea! Dann weißt’ Bescheid, wie der Kommunismus aussieht!“, wird dem Kommunisten auch oft von im Gesicht ganz rot angelaufenen Dumpfbacken an den Kopf geworfen. Früher wurde statt des Wortes „Nordkorea“ das Wort „drüben“ für die DDR benutzt. Das Argument ist einfach: einmal schlecht, immer schlecht. Der Ostblock samt seinen ganzen „demokratischen Republiken“, „Volksrepubliken“ etc. wird nicht nur fälschlicherweise für Kommunismus gehalten, sondern er wird auch noch als zwangsläufiges Resultat jedes Revolutionsversuches dargestellt. Den Kommunisten wird dann davon ausgehend vorgeworfen, sie wollten wie im Ostblock Terror, Gewalt, Armut für alle und Unfreiheit durchsetzen. Zunächst scheint das Argument einleuchtend zu sein, aber eigentlich ist es genauso plump wie etwa im Jahre 1800 die Behauptung, dass Menschen nie fliegen würden können oder im Jahre 1400 die aristokratische Behauptung, dass Demokratie nicht möglich sein würde. Es gibt viele solcher Argumente, die eigentlich so oberflächlich sind, dass sie nicht wirklich als Argumente gelten können. Sie sind eher Ausreden denkfauler oder naiver Menschen. Als solche Ausreden sind sie aber notwendig ideologischer Schein der am Fortschritt unbeteiligten Menschen.

„Die Hybris, die uns versuchen läßt, das Himmelreich auf Erden zu verwirklichen, verführt uns dazu, unsere gute Erde in eine Hölle zu verwandeln“, sagte der Philosoph Karl R. Popper, ein ausgemachter Neoliberaler und Antikommunist. Auch sein Argument verabsolutiert die Teilwahrheit zur absoluten Wahrheit. Bisherige sozialistische Versuche einer Verbesserung der Gesellschaft und ihr Scheitern werden als ganz natürlich dargestellt, so als wäre das Scheitern der sozialistischen Revolution ein Naturgesetz. Zwei weitere Kniffe wendet Popper in seinem Satz an: er verweist auf die bisherige blutige Vergangenheit der angeblichen Weltverbesserer, um von vornherein eine zukünftige weltverbessernde Umwälzung auszuschließen. Außerdem übertreibt er, indem er nicht von der Verbesserung spricht, sondern davon ein „Himmelreich auf Erden“ zu verwirklichen. Das muss natürlich unrealistisch sein. Kommunisten erscheinen so wahlweise als völlige Idioten, naive Narren oder böswillige Terroristen. In jedem Fall erscheint die Utopie einer besseren Gesellschaft unverwirklichbar.

Das sind nur drei Beispiele von vielen vielen anderen Möglichkeiten, eine Teilwahrheit zur absoluten Wahrheit zu machen. Will man der Wahrheit nahe kommen, muss man solche Verabsolutierung des Einzelfalls meiden und aufdecken, wo sie besteht. Denn wie Hegel richtig meinte: „Das Wahre ist das Ganze“ und nicht etwa der Teil, der allein genommen und vom Ganzen abgekapselt bloß eine Unwahrheit ist. Diese Art Unwahrheit ist "notwendig falsches Bewusstsein" im Marxschen Sinne, da der gewöhnliche Mensch die kapitalistische Gesellschaft und ihre komplizierten Teilaspekte für gewöhnlich nicht durchschauen kann. Die Undurchsichtigkeit des Kapitalismus liegt in seinem Wesen. Klassenspaltung, Arbeitsteilung, Staat und ideologische Funktionen sind so organisiert, dass der einfache Mensch sehr viel Zeit benötigt, um das Funktionieren des Systems und die Bedingungen für dessen Ende zu durchschauen. Ihm erschließen sich Teilaspekte relativ schnell und klar, aber das Ganze bleibt ihm meist schleierhaft. Solange sich bei den Menschen kein Bewusstsein ihrer Lage und kein fortschrittliches Klassenbewusstsein im Kampf um die eigenen Interessen entwickelt, bleibt ihnen dieses Ganze, das Wahre, verschlossen.

Die ideologische Funktion der Phrasen zu Ostblock, Menschennatur und Utopismus von „Gutmenschen“ etc. ist es, die Kritik am Kapitalismus zu beschränken, möglichen Widerstand zu brechen und den status quo zu bewahren. Erst ein Ausbruch aus dem Glauben an solche Phrasen und aus der bürgerlichen Ideologie ermöglicht die Erkenntnis des Ganzen und seine Überwindung hin zu einer besseren Gesellschaft. Vorher wird eine wirklich bessere Gesellschaft natürlich nicht möglich sein. Denn von nichts kommt nichts.


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