Die Linke.SDS Köln

Zitat der Woche, 19.12.2011: Spiel und Mensch

Montag 19. Dezember 2011 von Genosse Volja

"Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt."

- Friedrich Schiller

Wieso zitiert der böse und sozialistische SDS Kölle den aus dem Schulunterricht bekannten Dichter Schiller?

Schiller war nicht bloß Dramen- und Gedichteschreiber, sondern auch Philosoph. Als deutscher Aufklärungsphilosoph in der Zeit der großen französischen Revolution von 1789 zählte er zum Deutschen Idealismus. Karl Marx kritisierte diesen Idealismus wegen seiner Weltfremdheit und teilweisen Zustimmung zur kapitalistischen Gesellschaft. Er selbst gehörte zum Lager des (historischen) Materialismus. Dennoch hat Marx viel von den deutschen Idealisten gelernt, nicht nur von seinem großen Lehrer Hegel, sondern auch von Schiller.

Kenner der Biographie von Marx wissen, dass er von Freunden nach der schillerschen Figur Karl Moor in "Die Räuber" auch als "Moor" bezeichnet wurde. Aufmerksame Leser von Marx wissen zudem, dass Marx den schillerschen Begriff des "Spiels" mehrfach verwendet hat. Das war kein Zufall, sondern ist gut begründet. Daher zitieren und kommentieren wir ihn hier.

Wie kommt ein Materialist und Kommunist dazu, die Spieltheorie des Idealisten und Aufklärungsphilosophen Schiller aufzunehmen?

Der Begriff des "Spiels" wird bei Schiller in seinen "Briefen zur ästhetischen Erziehung des Menschen" ausgeführt und ist zentral für das philosophische Denken Schillers. Ästhetisch ist die von Schiller propagierte Erziehung des Menschen, weil ihr Ziel das Erreichen des "schönen Menschen" bzw. der "schönen Seele" ist. Diese "schöne Seele" ist aber nicht einfach ein schönes Ideal, sondern es hat politische Bedeutung. Schiller auf Ästhetik zu reduzieren, wäre so einseitig wie wenn man ein Butterbrot auf sein Brot reduziert. Schillers Idealismus war durchaus politisch. Im Grunde war das Politische die Butter auf dem philosophischen Brot (es ist bekannt, dass Schiller das bloße "Brotgelehrtentum" ablehnte).

Was Schiller mit seinem Begriff des "Spiels" entwickelte, ist eine polit-philosophische Anthropologie, eine Lehre vom Menschen. Das obige Zitat macht das deutlich. Spiel und Mensch hängen für Schiller ganz eng zusammen. Nur wenn der Mensch "spielt", ist er "ganz Mensch". Nur wenn er "ganz Mensch" ist, "spielt" der Mensch.

Kann denn Mensch nicht "ganz" Mensch sein?

Wenn Schiller "Spiel" und "Mensch" so eng mit einander verknüpft, dass sie ohne einander nicht existieren und dass sie sich gegenseitig definieren, dann bleibt die Frage, wie denn ein Mensch nicht "spielen" kann und nicht "ganz" Mensch sein kann. Kann der Mensch etwa ein zerstückelter Mensch sein und gleichzeitig noch atmen?

Schiller meinte eindeutig: ja! Nicht, weil er zu viel Fantasie hatte, sondern weil er trotz seines Idealismus einige Probleme der modernen kapitalistischen Gesellschaft zur Zeit der französischen Revolution erkannt hat. Die französische Revolution war der gewaltsame und sehr blutige politische Aufstieg der Bourgeoisie, der Kapitalistenklasse. Damit war in Frankreich endlich die bürgerliche Gesellschaft geboren, die zuvor nur den Kopf aus den alten Lenden der feudalen Gesellschaft gestreckt hatte. Dazu wurden die feudalen Grundbesitzer politisch großteils entmachtet und teils auch enthauptet.

Und Schiller war von der französischen Revolution wegen ihrer Brutalität entsetzt und sah aus philosophischer Sicht die menschlichen Probleme, die aus ihr entstanden waren. Die Arbeitsteilung, Klassenspaltung, Spaltung in geistige und körperliche Arbeit und die Verelendung der Massen waren wesentlicher Teil der neu geborenen Gesellschaft. Schiller kritisierte die daraus folgende Zerstückelung und Entmenschlichung aus philosophischer Sicht. Sie machte aus dem Menschen einen zerstückelten Menschen, einen Menschen, der nicht "ganz Mensch" sein konnte, sondern seine Fähigkeiten bloß einseitig entwickelte, sich nicht in Gänze selbst verwirklichte. Das ist auch Teil seiner Kritik am "Brotgelehrtentum", das nur ein Studieren, Forschen und Lehren für die Ökonomie sei - und in Zeiten der Bologna-Reformen heute wieder zunehmend ist.

Wie kann Mensch "ganz" Mensch sein?

Auf die Frage, wie der "zerstückelte" Mensch wieder "ganz" Mensch werden könne, konnte Schiller nur idealistisch antworten. Er sah im "Spiel" den Zustand, in dem der Mensch zu sich gefunden hat, in dem er sich frei entwickelt und in Harmonie lebt. Idealistisch blieb seine Antwort, weil er nicht klären konnte, wie dieser Zustand für alle Menschen erreichbar sein könnte und was die Voraussetzungen dafür sind. Schiller blieb also bei der schönen Idee stehen.

Marx konnte auf diese Frage eine bessere Antwort liefern. Die philosophische Kritik Schillers blieb abstrakt, die Kritik der politischen Ökonomie von Marx war hingegen konkreter. Er sah die Zerstückelung und Entmenschlichung des Menschen in der kapitalistischen Produktion begründet. Solange es Kapitalismus gibt, muss der Mensch darunter leiden. Erst die Aufhebung des Kapitalismus und damit die Aufhebung der Klassenspaltung, die Aufhebung der ins Extrem gehenden Arbeitsteilung, die Aufhebung der Spaltung in körperliche und geistige Arbeit und die Aufhebung der Verelendung ermöglichen für alle Menschen prinzipiell, "ganz" Mensch zu sein. Das geschieht aber Marx zufolge nicht allein durch philosophische Interpretation, sondern kann nur Resultat einer Revolution sein.


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