Die Linke.SDS Köln

Zitat der Woche, 13.01.2014: Ständedünkel vs. Klassenbewusstsein

Montag 13. Januar 2014 von Ш.Ю. Голц

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Arbeiter und einem Angestellten? Der Beruf, aber nicht die Klasse. Dennoch pflegt man die soziale Identität als Mittelstand, als „Bildungs“-bürgertum. Ob dieses nun nach Unten durch Promotion, Master, Bachelor, Abitur oder Realschulabschluss abzugrenzen sei wird in kreativer, jedoch nicht sonderlich objektiver Weise beantwortet. Es scheint aber einen gewissen Vorzug für jenen Abschluss zu geben, den die befragte Person selber hat. Karl Kautsky hat sich im Erfurter Programm [1] mit der neu entstehenden Gruppe des gebildeten Proletariats auseinandergesetzt. Bezogen auf das Hier und Jetzt scheint’s so, als müsste man seine Auffassung lediglich im Hinblick auf das Einkommen der Angestellten modifizieren. Die Illusion, mit den Unternehmern zu einer Klasse zu gehören, hat sich dadurch wohl noch verschärft.

Die Klassenlage der Arbeiter der Bildung verschlechtert sich zusehends; sprach man ehedem von der Aristokratie des Geistes, so spricht man jetzt vom Proletariat der Intelligenz; und bald wird diese Proletarier von den anderen Lohnarbeitern nur noch eines unterscheiden: ihre Anmaßung. Sie bilden sich in ihrer Mehrheit immer noch ein, etwas Besseres zu sein als die Proletarier, sie rechnen sich immer noch zum Bürgertum, zur Bourgeoisie, [2] aber so, wie sich der Bediente zu seiner Herrschaft rechnet. Sie haben aufgehört, die geistigen Führer der Bourgeoisie zu sein, und sind ihre Klopffechter geworden. Das Strebertum wuchert unter ihnen empor; nicht die Entwicklung, sondern die Verwertung ihrer Geistigen Güter ist jetzt ihre erste Sorge, und die Prostituierung ihres Ichs ihr Hauptmittel, vorwärts zu kommen. Wie die Kleingewerbetreibenden werden auch sie geblendet durch einige wenige glänzende Treffer in der Lotterie des Lebens; sie übersehen die zahllosen Nieten, die ihnen gegenüber stehen, und verschachern Seele und Leib für die bloße Aussicht, einen solchen Haupttreffer zu machen. Das Verkaufen der eigenen Überzeugung und die Geldheirat, das sind in den Augen der Mehrheit unserer Gebildeten zwei ebenso selbstverständliche wie unentbehrliche Mittel geworden sein „Glück zu machen“. Das hat die kapitalistische Produktionsweise aus den Idealisten, den Forschern, Denkern und Träumern gemacht!

Aber das Angebot wächst zu stark, als dass im allgemeinen aus der Bildung selbst dann viel herauszuschlagen wäre, wenn man seine Persönlichkeit mit in den Kauf gibt. Das Versinken der Masse der Gebildeten im Proletariat ist nicht mehr aufzuhalten.

Ob diese Entwicklung dahin führen wird, dass die Gebildeten isch in Masse und nicht bloß vereinzelt, wie bisher, dem kämpfenden Proletariat anschließen, ist noch ungewiss. Sicher aber ist eins: Mit der Proletarisierung der Gebildeten ist dem Proletarier der letzte Ausweg verschlossen worden, um auf eigene Faust, für sich allein, dem Proletariat zu entrinnen, zu einer höheren Klassen aufzusteigen.

[1] Karl Kautsky: „Das Erfurter Programm. In seinem grundsätzlichen Teil erläutert.“, Stuttgart 1919, S. 52-53.

[2] Im Deutschen bedeutet das Wort „Bürger“ nicht bloß den Angehörigen einer bestimmten Klasse, der Klasse der Besitzenden in den Städten, sondern auch jeden Angehörigen des Staates, den Staatsbürger. Der Franzose hat dafür zwei Bezeichnungen. Der erstere ist „bourgeois“, der zweite „citoyen“. Da das Wort Bourgeois bezeichnender ist als das Wort „Bürger“, hat es sich auch in Deutschland eingebürgert.


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