Die Linke.SDS Köln

Zitat der Woche, 27.01.2014: A.S. Makarenko und Ossadtschi

Montag 27. Januar 2014 von Ш.Ю. Голц

A.S. Makarenko (1888-1939), der bedeutendste Pädagoge der Sowjetunion, leitete in den 20er Jahren ein Heim zur Resozialisierung straffällig gewordener Jugendlicher. Die Gorkij-Kolonie in der Ukraine. In Kapitel 1.13 seines Romans „Der Weg ins Leben“ [1] gibt er wieder, wie sich Antisemitismus unter seinen Zöglingen entwickelte und wie dieser erst mit einer Explosion beseitigt werden konnte. Nicht unbedingt die feine englische Art. Aber „auf ganz unerwartete und schmachvolle Weise“ hatte die Sache dann doch ein Ende gefunden.

Ganz plötzlich entdeckten wir bei uns Antisemitismus. Bisher gab es in der Kolonie keine Juden. Im Herbst schickte man uns den ersten und kurz hintereinander noch einige. Einer von ihnen hatte aus irgendeinem Grunde im Gouvernements-Kriminalamt gearbeitet, und auf diesen entlud sich der wilde Zorn unserer alteingesessenen Zöglinge.

Anfangs konnte ich nicht einmal feststellen, wer eigentlich mehr oder weniger schuld an diesem Antisemitismus war. Die neueren Kolonisten waren einfach deshalb Antisemiten, weil sie in den Juden wehrlose Objekte für ihre Rowdyinstinkte fanden. Die älteren dagegen hatten andere Möglichkeiten, die Juden zu schikanieren.

[…] Es wurde auch festgestellt, wer die Roheiten beging. Das waren alle unsere alten Bekannten: Burun, Mitjagin, Wolochow, Prichodko; die wichtigste Rolle aber spielten Ossadtschi und Taranez.

[…] Ossadtschi wurde zum Hauptinquisitor der Juden. Dabei war er kaum ein Antisemit. Aber seine Straflosigkeit und die Wehrlosigkeit der Juden gaben ihm die Möglichkeit, in der Kolonie mit primitivem Witz und ebensolchen primitiven Heldentaten zu glänzen.

Der offene Kampf gegen die Bande unserer Inquisitoren musste sehr vorsichtig begonnen werden, da sonst den Juden schwere Vergeltung drohte. Solche Burschen wie Ossadtschi wären im gegebenen Fall auch nicht vor einem Messerstich zurückgeschreckt. Entweder musste man nach und nach sehr behutsam vorgehen oder die Sache mit einer Explosion beenden. Für den Anfang hielt ich mich an die erste Methode. Ich musste Ossadtschi und Taranez isolieren. Karabanow, Mitjagin, Prichodko und Burun hatten zu mir ein gutes Verhältnis, und ich rechnete auf ihre Unterstützung. Es gelang mir, sie zu überreden, die Juden in Ruhe zu lassen. Mehr konnte ich nicht erreichen.

[Ossadtschis] „Heldentaten“ sah die ganze Kolonie, viele zollten ihm Beifall und bewunderten ihn. Ihn aus der Kolonie zu verbannen ausstoßen hieße diese Sympathien verewigen, Ossadtschi den Nimbus eines Märtyrers und Helden geben, der sich vor nichts fürchtete und deshalb eingesperrt wurde. Aber er war es nicht allein, der sich gegen die Juden verging. Taranez war nicht so grob wie er, aber viel erfinderischer und raffinierter. Nie schulg er die Juden; im Beisein anderer ging er mit ihnen sogar freundlich um. Aber nachts steckte er den einen oder anderen Papierstreifen zwischen die Zehen und zündete sie an, legte sich ins Bett und stellte sich schlafend. Oder er verschaffte sich eine Haarschneidemaschine und überredete irgendeinen Lulatsch, wie Fedorenko, Schneider den Kopf halb zu scheren, dann so zu tun, als sei die Maschine verdorben, und sich über den armen Jungen lustig zu machen, wenn dieser ihm nachlief und mit Tränen in den Augen bat, den Kopf zu Ende zu scheren.

Die Rettung aus all diesem Elend kam auf ganz unerwartete und schmachvolle Weise.

Eines Abends öffnete sich die Tür meines Arbeitszimmers, und Iwan Iwanowitsch führte Ostromuchow und Schneider herein. Beide bluteten und spuckten Blut, weinten aber nicht; sie hatten wie immer Angst.

[…] In meinem Arbeitszimmer befanden sich außer den Misshandelten noch einige Zöglinge. Zu einem von ihnen sagte ich:

„Ruf Ossadtschi!“

Ich war beinahe überzeugt, dass Ossadtschi störrisch sein und sich weigern würde, zu mir zu kommen, und war fest entschlossen, ihn im äußersten Falle selbst zu holen – und sei es mit dem Revolver.

Doch Ossadtschi kam. Er platzte in mein Arbeitszimmer, die Jacke übergeworfen, die Hände in den Hosentaschen. Im Vorbeigehen stieß er gegen einen Stuhl. Mit ihm kam Taranez. Taranez tat, als sei alles furchtbar interessant und als sei er nur deshalb mitgekommen, weil ein unterhaltsames Schauspiel zu erwarten war.

Ossadtschi warf mir über die Schulter einen Blick zu und fragte:

„Nun, ich bin da… was ist?“

Ich deutete auf Ostromuchow und Schneider.

„Was ist das?“

„Na, und… ? Große Sache! Zwei Jüdchen. Ich dachte, Sie wollten mir sonst was zeigen.“

Da stürzte plötzlich das pädagogische Fundament, auf dem ich stand, mit Krachen und Getöse zusammen. Ich befand mich in einem leeren Raum. Das schwere Rechenbrett, welches auf meinem Tisch lag, flog plötzlich nach Ossadtschis Kopf, verfehlte das Ziel, krachte gegen die Wand und fiel zu Boden.

Außer mir vor Erbitterung suchte ich auf meinem Tisch nach einem schweren Gegenstand, packte aber plötzlich einen Stuhl und stürzte damit auf Ossadtschi. Erschrocken wollte er zur Tür, aber die Jacke rutschte von seinen Schultern auf den Fußboden, er verwickelte sich darin und fiel hin.

Ich kam zu mir. Jemand fasste mich an den Schultern. Ich sah mich um – Sadorow schaute mich an und lächelte:

„Dieser Lump ist es nicht wert.“

Ossadtschi saß auf dem Fußboden und begann zu schluchzen. Auf dem Fensterbrett saß der kreidebleiche Taranez, seine Lippen zitterten.

„Auch du hast die Jungen gequält!“

Taranez kroch vom Fensterbrett herunter.

„Mein Ehrenwort… ich werde es nie wieder tun.“

„Raus!“

Auf Zehenspitzen verließ er das Zimmer.

Endlich stand Ossadtschi auf. In der einen Hand hielt er seine Jacke, und mit der anderen liquidierte er den letzen Rest seiner Schwäche – eine einsame Träne auf der schmutzigen Wange. Er sah mich ruhig und ernst an.

„Vier Tage wirst du in der Schumacherwerkstatt bei Bort und Wasser sitzen.“

Ossadtschi lächelte schief und antwortete, ohne zu überlegen:

„Gut, ich sitze sie ab.“

Am zweiten Tage seines Arrests bat er mich zu sich in die Schumacherwerkstatt und sagte:

„Ich werde es nie wieder tun… verzeihen Sie mir.“

„Über verzeihen werden wir reden, wenn du deine Strafe abgesessen hast.“

Als er die vier Tage abgesessen hatte, bat er nicht mehr um Verzeihung, sondern erklärte mit finsterem Gesicht:

„Ich verlasse die Kolonie.“

„So geh!“

„Geben Sie mir meine Papiere.“

„Nichts von Papieren!“

„Dann leben Sie wohl.“

„Leb wohl.“

[1] A.S. Makarenko: „Der Weg ins Leben“ in: Derselbe, Werke Bd. 1, Berlin 1970, S. 111-117.


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