Die Linke.SDS Köln

Zitat der Woche, 02.04.2012: Die Keimzellen des Faschismus

Dienstag 3. April 2012 von Ш.Ю. Голц

„Die Keimzellen der faschistischen Partei Italiens bildeten sich aus nach dem Kriege demobilisierten Reserveoffizieren. Sie hatten Jahre lang kommandiert; jetzt fanden sie im bürgerlichen Leben keine ihrem Selbstgefühl, ihrem Ehrgeiz entsprechende Stellung. Um sie scharten sich Deklassierte aus den Reihen der ‚Arditi‘, der Stoßtruppen des Krieges, stolz auf ihre Kriegsauszeichnungen und Kriegswunden, erbittert, weil das Vaterland, für das sie geblutet hatten, ihnen keine oder keine ihren Ansprüchen genügende Stellung bieten konnte. Sie wollten die im Kriege erworbenen Gewohnheiten nicht aufgeben. Sie wollten kommandieren und kommandiert werden, uniform tragen und marschieren. Sie begannen die Aufstellung einer Privatarmee. In Deutschland war diese Schicht noch breiter. Der Friedens vertrag von Versailles hatte Deutschland zum Abbau eines Großteils seiner Berufsoffiziere gezwungen. Sie stellten die Führerschicht der militärischen ‚Freikorps‘ und ‚Wehrverbände‘ die sich nach dem Kriege zu bilden begannen. Die politischen Wirren der Nachkriegszeit gaben den in Bildung begriffenen faschistischen Milizen die Gelegenheit zur Festigung und zur Hebung ihres Prestiges: in Italien das Abenteuer von Fiume, in Deutschland die Kämpfe im Baltikum und in Oberschlesien.“

„In diesen Keimzellen des Faschismus entwickelte sich seine ursprüngliche Ideologie. Aus dem Kriege erwachsen, ist sie vor allem militaristisch: sie fordert Disziplin der Masse gegenüber der Kommandogewalt des Führers. Sie wendet sich schroff gegendas Selbstbestimmungsrecht der nur zu diszipliniertem Gehorsam berufenen Masse und ist damit aller Demokratie feind. Sie verachtet das ‚bürgerliche‘, zivilistische Streben nach Frieden, Wohlstand und Behagen und stellt ihm ein kriegerisches, ‚heroisches‘ Lebensideal entgegen. Sie ist erfüllt von dem durch den Krieg aufgepeitschten Nationalismus. Sie sucht die Volksmassen aufzupeitschen gegen die liberale Regierung Italiens, die sich von den Bundesgenossen um die Siegesbeute habe prellen lassen, gegen die republikanische Regierung Deutschlands, die sich würdelos dem Diktat der Siegermächte unterwerfe. Sie ist typisch kleinbürgerlich, gegen das Großkapital und gegen das Proletariat zugleich gerichtet; denn der Offizier haßt den Schieber und Kriegsgewinner und verachtet den Proleten. Ihr Antikapitalismus ist freilich nur gegen die spezifischen parasitischen Kapitalsformen der Kriegs- und Inflationszeit gerichtet; der Offizier schätzt die Kriegsindustrie, aber er haßt den Schieber, er ist darum feind nur dem ‚raffenden‘, nicht dem ‚schaffenden‘ Kapital. Desto leidenschaftlicher ist ihre Gegnerschaft gegen den proletarischen Sozialismus, der in Italien das Eingreifen in den Krieg leidenschaftlich bekämpft hat und eben darum nach dem Kriege sprunghaft erstarkt ist, in Deutschland durch die Niederlage zur Macht gekommen ist und ihr darum als der Nutznießer der Niederlage, als der Agent der Siegermächte erscheint. Sie stellt in der Zeit der größten Anziehungskraft des Sozialismus auf die Massen ihr Ideal als einen ‚nationalen Sozialismus‘ dar und als solchen dem proletarischen Sozialismus entgegen: wahrer, nationaler Sozialismus bedeute nicht die egoistische Ausnützung der Kriegsfolgen durch das Proletariat, sondern die Unterordnung alles ‚Eigennutzes‘ unter den ‚Gemeinnutz‘, aller wirtschaftlichen und sozialen Kräfte unter die Aufgabe der nationalen Behauptung gegen den äußeren Feind. Sie verknüpft ihren Nationalismus mit antibourgeoisen Gedankengängen: die bürgerliche Demokratie des Westens sei nichts als die Klassenherrschaft der reichsten und mächtigsten Kapitalistenklassen; Italien, ‚die große Proletarierin‘, sei von den englischen, französischen, amerikanischen Kapitalisten um die Beute des Sieges betrogen, das deutsche Volk der internationalen, der jüdischen Hochfinanz, die sich hinter der westlichen Demokratie berge und die deutsche Demokratie als ihr Werkzeug gebrauche, tributpflichtig gemacht worden. 5ie stellt ihren Kampf gegen die Demokratie vor den Volksmassen als einen Kampf gegen die Klassenherrschaft der Bourgeoisie, vor den Kapitalisten als einen Kampf gegen die Pöbelherrschaft des Proletariats, vor der nationalistischen Intelligenz als einen Kampf um die Zusammenballung aller nationalen Kräfte zum Kampf gegen den äußeren Feind hin.“

„Aber die militärischen Stoßtrupps, die die ursprünglichen Träger der faschistischen Ideologie waren, konnten Kraft nur gewinnen, wenn es ihnen gelang, breitere Massen unter ihre Führung, in ihre Gefolgschaft zu bringen. Die erste soziale Schicht, die sich mit der aus dem Kriege erwachsenen faschistischen Ideologie erfüllte, war die Intelligenz.“

Von diesen Betrachtungen Otto Bauers lernen wir 6 wesentliche Punkte, die jeder Antifaschist berücksichtigen muss:

1. Faschismus ist affektiv, er folgt einer Gefühlsethik und bildet kein geschlossenes System. Er knüpft zwecks Machtentfaltung auf größere Massen an Vorstellungen des Zeitgeistes bzw. Common Sense an; er nutzt kollektive Empfindungen und Identitäten oder - um mit den Worten der BILD-Zeitung zu sprechen - versucht die Stimmung in einem Fußballstadion während der Weltmeisterschaft auf die ganze Gesellschaft zu übertragen.

2. Faschismus knüpft unmittelbar an Gender-Vorstellungen bzw. das soziale Geschlecht des Mannes an. Mussolini betont ausdrücklich, dass der Faschismus „jung, männlich und radikal“ sei. Um den von Bauer genannten Heroismus zu erzeugen, werden faschistische Ideologen gezielt verbreitete Vorstellungen aus dem Kino, Comics und Videospielen nutzen.

3. Faschismus ist kein Problem von Unintelligenz, und kann daher nicht auf mangelnde Bildung reduziert werden. Ansätze, den Faschismus durch Erziehung oder Aufklärung besiegen zu wollen, reichen auf sich allein gestellt nicht aus.

4. Auf der Sonderstellung des Offiziers und des Kleinbürgers, die Otto Bauer anspricht, beruhte in Deutschland das Phänomen, das als struktureller Antisemitismus bezeichnet wird. Da die sowohl in der Wirtschaft, als auch in der Sozialdemokratie viele Spitzpositionen von Juden eingenommen wurden, wurden die beiden Subjekte Kapital und Arbeiterbewegung zu einem Subjekt „Jude“ verschmolzen. Es handelte sich also um transformierten Klassenhass. Ähnliche Entwicklungen finden wir in der Gegenwart im Bezug auf die Islamophobie.

5. Faschismus ist eine mittelständische Ideologie, und fußt daher weder auf dem Unternehmertum, noch den Industriearbeitern. Seine Trägerschicht sind die qualifizierten Facharbeiter, Angestellte und Akademiker, die als das „normale“ Volk interpretiert werden.

6. Faschismus kann jedoch nur dann zu einer erfolgreichen mittelständischen Bewegung werden, wenn die sozialen Verhältnisse den Rückhalt der großen bürgerlichen Parteien erschüttert haben. Er ist ein Phänomen der Krise, nicht der Blütezeit des Kapitalismus.


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