Die Linke.SDS Köln

Zitat der Woche, 28.11.2011: Kritik der Rätekommunisten

Sonntag 27. November 2011 von Genosse Volja

„Lenin versteht nicht, daß die strategischen Konstruktionen, die er in seiner historisch-paradiesischen Unschuld herstellt, auf die Kampfhandlungen der Arbeiterklasse und deren jeweiligen Ausgang nicht mehr zugeschnitten sind, sobald die Arbeiter die Früchte des Gartens Eden geprüft [...] sobald sie selbst den Inhalt ihrer Kämpfe und sodann auch deren Form, das heißt ihre Kampfmethoden zu bestimmen angefangen haben; sobald nicht länger die bürgerliche, sondern fortan die proletarische Revolution die gesellschaftliche Perspektive bildet.“

Cajo Brendel

Rätekommunismus als Antwort auf Sozialdemokratie und Bolschewismus

Das obige Zitat stammt von Cajo Brendel, einem Vertreter der "rätekommunistischen" Strömung innerhalb der sozialistischen Theoretiker. Die Rätekommunisten waren als eigenständige Richtung in den 20ern entstanden, nach der Räterevolution in Russland und der ebenfalls gescheiterten Räterevolution in Deutschland ab 1918. Ihre Vertreter waren meist enttäuschte Mitglieder der Sozialdemokratie, ihrer Abspaltungen (USPD z.B.) oder der kommunistischen Parteien. Anfangs gründeten sie eigene Parteien (KAPD z.B.), später aber lehnten sie jede Parteiorganisation ab und gründeten Gewerkschaften (AAUD) und noch später sowohl parteiferne wie gewerkschaftsferne Organisationen (AAUE) .Sie sahen sowohl in der Sozialdemokratie wie im Bolschewismus einerseits keine Lösung der Probleme im Kapitalismus und andererseits Verfälschungen des Marxismus.

Die Reife der Klassengesellschaft

Die Rätekommunisten sind Ökonomisten und damit Fatalisten des Glaubens an die Selbstzerstörung des Kapitalismus.

Sie sprechen von der Reife der Klassenverhältnisse, die unweigerlich zur sozialistischen Revolution führen müsste. Die Reife der Klassenverhältnisse sei die Vollendung der Herrschaft des Kapitalverhältnisses und damit die Vollendung des Gegensatzes zwischen Kapital und Arbeit. Die Vollendung des Gegensatzes zwischen Kapital und Arbeit führe aber zwangsläufig zur Zertrümmerung der kapitalistischen Ordnung und zur Aufhebung dieses Gegensatzes.

Der marxistische Standpunkt sei der der ökonomischen Gesetzmäßigkeit hin zur Selbstbefreiung der Arbeiterklasse in dem Moment, in dem die Arbeiterklasse nicht noch weiter ausgebeutet werden kann und somit gezwungen ist, die Revolution zu machen. Zwang zur Revolution ist das A und O der Rätekommunisten. Bis zu diesem Zeitpunkt sei jeder Revolutionsversuch ein bloßer Willensakt, der den objektiven Verhältnissen nicht entspricht. Ohne die Vollendung der kapitalistischen Klassengesellschaft könne die Vollendung der wirklich menschlichen, klassenlosen Gesellschaft nicht erfolgen.

Wenn Lenin 1917 also forderte, alle Macht solle den Räten gehören, so wird das von den Rätekommunisten als reine Taktik eines bürgerlichen Machttheoretikers interpretiert. Eine bürgerliche Revolution müsse die Folge der bolschewistischen Machtübernahme sein. Sie könne keine proletarische Revolution sein, da die kapitalistischen Verhältnisse in Russland 1917 noch lange nicht die Vollendung der Klassengegensätze ermöglichten, sondern erst der Beginn des kapitalistischen Klassenkampfes gewesen seien. Die Selbsttätigkeit des Proletariats in den Räten hingegen sei zwar löblich, könne aber nicht sozialistischer Staatsaufbau oder Aufhebung der kapitalistischen Klassengegensätze in bäuerlichen Verhältnissen bedeuten, sondern nur den Anfang dieser Revolution im Prozess des Klassenkampfes zwischen Kapital und Arbeit.

Hingegen abstrahieren die Rätekommunisten immer davon, dass Lenin die Unreife der russischen Verhältnisse viel besser kannte als sie und dass er eine entsprechende Taktik innerhalb der kommunistischen Strategie verfolgte. Sie unterstellen ihm daher, eine "russische Brille" getragen zu haben, die sein Blickfeld beschränke und ihn alles aus der zurückgebliebenen russischen Perspektive betrachten lasse.

Lenin wusste, eine proletarische Revolution in einem Land würde nicht dauerhaft möglich sein, aber man könne mit der Revolution in einem Land beginnen und damit die Revolution in anderen Ländern vorantreiben. Seine ganze Hoffnung lag in der deutschen Arbeiterklasse. Hätte die Sozialdemokratie die Arbeiterklasse nicht verraten, sondern die Rätemacht in Ost und West gestützt, dann wäre eine weitere Kettenreaktion, ein von den Bürgerlichen später so gefürchteter "Domino-Effekt", möglich gewesen. Deutschland und die entwickelten Länder hätten die Führung der sozialistischen Revolution übernommen und Russland eine viel friedlichere und harmonischere Entwicklung ermöglicht, selbst wenn ein Stalin oder sonstige Autokraten im Staatsapparat geblieben wären. So aber blieb die Sowjetunion auf sich allein gestellt und der Stalinismus fand überall durch die schwierige Lage eine glaubwürdige Rechtfertigung zumindest innerhalb seiner staatlichen Grenzen und in den kommunistischen Parteien.

Verallgemeinert heißt das, dass eine sozialistische Revolution denkbar ist, auch wenn die Klassengegensätze nicht so weit gekommen sind, dass nur noch die sozialistische Revolution für ein Weiterbestehen der Gesellschaft denkbar ist. Der Kapitalismus kann sich ständig neu formieren, regenerieren und selbst nach seiner völligen Delegitimation wieder Legitimität gewinnen. Das macht ihn so widerständig gegenüber Gewaltausbrüchen, Kriegen und unreifen Revolutionsversuchen. Entscheidend für eine Revolution auf dem Boden der reifen bürgerlichen Gesellschaft sind die Kräfteverhältnisse zwischen den Klassen in der Gesellschaft bzw. zwischen den fortschrittlichen und den reaktionären Kräften.

Die Rätekommunisten missinterpretieren die Bewusstseinsfähigkeit und Planungsfähigkeit des Menschen ganz pauschal als Voluntarismus idealistischer Machtpolitiker und naiver Arbeiter. Tatsächlich ist aber diese Missinterpretation eine Ausschaltung der menschlichen Subjektivität und die Verdammung dieser unter die Herrschaft der ökonomischen Gesetzmäßigkeit, die selbst nicht als Handlung der Menschen, sondern als Naturgesetzmäßigkeit missinterpretiert wird (auch wenn Marx den kapitalistischen Prozess selbst so ähnlich bezeichnet hat).

Der Charakter der bürgerlichen und der proletarischen Revolution

Der Charakter der proletarischen Revolution sei ein völlig anderer als der der bürgerlichen Revolution, so die Rätekommunisten zu Recht. Die bürgerliche Revolution sei die Machtergreifung einer kapitalistischen Klasse und der Sturz der feudalen Klasse mit dem Resultat der Geburt nicht nur der bürgerlichen Gesellschaft, sondern auch des bürgerlichen Staates, der die bürgerliche Ordnung vor Angriffen durch Herrschaftstechniken schützt. Zu diesen Techniken gehören Polizei, Armee, Geheimdienst, aber auch Parteien, Parlamente und Gewerkschaften – allgemein: die bürgerliche Demokratie. Die bürgerliche Revolution werde von wenigen Vertretern der bürgerlichen Klasse, die in Parteien organisiert sind, gegen die Reaktion durchgesetzt. So weit sind sie sich mit Lenin einig.

Die proletarische Revolution setze zunächst einmal die Reife der kapitalistischen Gegensätze voraus, ein Nicht-mehr-Können der bürgerlichen Klasse und ein Nicht-mehr-Können der proletarischen Klasse. Das Nicht-mehr-Können der proletarischen Klasse sei zugleich ihr Nicht-mehr-Wollen. Vorher sei ein Versuch einer proletarischen Revolution unmöglich und voluntaristisch. Erst die zahlenmäßige Überlegenheit der Arbeiterklasse und die ökonomische Unabwendbarkeit der Staatszertrümmerung durch die Arbeiterklasse ermöglichen die Revolution. Sie kann also nicht von einer Minderheit, auch nicht von einer proletarischen, gemacht werden. Sie könne nur von der ganzen Klasse in einem ziemlich kurzen Zeitraum gemacht werden, in dem die ganzen revolutionären Kämpfe der Vergangenheit zusammenkommen und ein Ende finden.

Da die Revolution ein rein ökonomischer Prozess sei, sei der politische Überbau der Ökonomie unwichtig und gar störend für die Aufgabe der Arbeiterklasse. Ihre Aufgabe sei eine ökonomische: Erkämpfung der Produktionsmittel der bürgerlichen Gesellschaft, und damit auch die Kontrolle über diese Gesellschaft. Teilnahme an der bürgerlichen Demokratie, am Parteiensystem und an Parlamentswahlen oder gar Regierungsbeteiligung, Mitarbeit in Gewerkschaften und dergleichen – das alles werde ab einer gewissen Reife der Klassenverhältnisse für die proletarische Revolution schädlich. Die politische Teilnahme an den Institutionen des bürgerlichen Staates sei nämlich reaktionär, sobald die neue und wirklich proletarische Kampfweise sich entwickelt habe: die Räte.

(Fortsetzung folgt...)


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