Die Linke.SDS Köln

Zitat der Woche, 04.11.2013: Burnhams Paradigma der Politikwissenschaft

Montag 4. November 2013 von Ш.Ю. Голц

James Burnham war einer der Begründer der „realistischen“ Schule der Politikwissenschaft in den USA. Mit den hier zitierten 13 Grundsätzen entwirft er ein Paradigma, durch welches die Forschung geleitet werden soll. Kritisch ist anzumerken, dass Burnham vom Machiavellismus her kommend Normativität einfach ignoriert und mit einer absolut veralteten Psychologie arbeitet, die - ganz wie Hobbes, Nietzsche & Co. - keine anderen Triebfedern kennt als Macht oder Wahnsinn. Wir lassen ihn zu folgendem Zwecke dennoch zu Wort kommen: Um an seinem Beispiel zu zeigen, dass der sog. „politische Realismus“ selbst auch eine Ideologie ist.

„1. Eine objektive Wissenschaft der Politik und der Gesellschaft, deren Methoden denen der anderen empirischen Wissenschaften gleichen, ist möglich. Eine solche Wissenschaft wird wahrnehmbare soziale Tatsachen beschreiben und miteinander in Verbindung bringen, und auf Grund von Tatsachen aus der Vergangenheit in der Lage sein, mehr oder weniger wahrscheinliche Hypothesen über die Zukunft aufzustellen. Eine solche Wissenschaft wird in bezug auf jedes praktische politische Ziel neutral sein; das heißt, wie bei jeder anderen Wissenschaft können ihre Aussagen an dem Tatsachenmaterial nachgeprüft werden, das jedem Beobachter, reich oder arm, Herrscher oder Beherrschter, erreichbar ist, und in keiner Weise von der Annahme irgendeiner speziellen ethischen oder idealen Richtung abhängig.

2. Das Grundthema der politischen Wissenschaft ist der Kampf um die soziale Macht in seinen offen und verborgenen Formen.

3. Man kann die Gesetze des politischen Lebens nicht durch eine Analyse finden, die menschliche Worte und Glaubensbekenntnisse, gesprochene oder geschriebene, für das nimmt, was sie auf den ersten Blick zu sein scheinen. Worte, Programme, Deklarationen, Konstitutionen, Gesetze, Theorien und Philosophien müssen mit dem ganzen Komplex sozialer Tatsachen in Zusammenhang gebracht werden, um ihren politischen und historischen Sinn verstehen zu können.

4. Logische und rationale Handlungen spielen in politischen und sozialen Umwandlungen eine relativ kleine Rolle. Meistens betrügt man sich selbst, wenn man glaubt, die Menschen unternähmen vorsätzlich Schritte zur Erreichung eines bewusst angenommenen Zieles. Nicht-logische Handlungen, die vom Wechsel in der Umgebung, von Instinkten, Impulsen und Interessen angespornt werden, sind im sozialen Leben die Regel.

5. Um den sozialen Prozess verstehen zu können, muss die allerwichtigste soziale Trennung beachtet werden, diejenige zwischen Herrschern und Beherrschten, zwischen Elite und Nicht-Elite.

6. Zur historischen und politischen Wissenschaft gehört in erster Line das Studium der Elite, ihrer Zusammensetzung, Struktur und der Art ihrer Beziehung zur Nicht-Elite.

7. Das Hauptziel jeder Elite oder herrschenden Klasse ist die Erhaltung ihrer eigenen Macht und Privilegien.

8. Die Herrschaft der Elite beruht auf Gewalt und Betrug. Die Gewalt kann natürlich die meiste Zeit über im Verborgenen oder nur als Drohung wirken, und der Betrug muss nicht unbedingt einer bewussten Irreführung entstammen.

9. Die soziale Geamtstruktur wird durch eine politische Formel integriert und aufrechterhalten, die gewöhnlich mit einer allgemein akzeptierten Religion, einer Ideologie oder einem Mythos in Zusammenhang steht.

10. Die Herrschaft der Elite stimmt einmal mehr, einmal weniger mit den Interessen der Nicht-Elite überein. Obgleich das Hauptziel jeglicher Elite die Erhaltung ihrer eigenen Macht und Privilegien ist, bestehen vom Gesichtspunkt der Massen aus wirkliche und bedeutungsvolle Unterschiede in den sozialen Strukturen. Diese Unterschiede können jedoch nicht in Worten formaler Bedeutung, mit Verbalismen und Ideologien richtig eingschätzt werden, sondern nur durch:

a) die Stärke der Gemeinschaft im Vergleich zu anderen Gemeinschaften;

b) das von der Gemeinschaft erreichte Zivilsationsniveau - d.h. ihre Fähigkeit, eine vielfalt schöpferischer Interessen zu wecken und einen hohen Grad von materiellem und kulturellem Fortschritt zu erreichen; und

c) die Freiheit - d.h. die Sicherheit der Individuen vor willkürlicher und unverantwortlicher Machtanwendung.

11. In jeder Elite wirken immer zwei entgegengesetzte Tendenzen:

a) eine aristokratische Tendenz, mit der die Elite die Machtstellung ihrer Mitglieder und deren Nachkommen intakt zu halten und allen anderen den Eintritt in ihre Reihen zu verwehren sucht;

b) eine demokratische Tendenz, mit der neue Elemente von unten sich den Weg in die Elite erzwingen wollen.

12. Auf die Dauer herrscht die zweite dieser Tendenzen immer vor. Daraus folgt, dass keine soziale Struktur permanent sein kann und eine statische Utopie unmöglich ist. Der soziale Klassenkampf dauert immer fort und die Aufzeichnungen darüber machen die Weltgeschichte aus.

13. In der Zusammensetzung und Struktur der Eliten kommen periodisch auftretende, sehr rapide Verschiebungen vor, d.h. soziale Umwälzungen.“ [1]

[1] Burnham, James: „Die Machiavellisten“, Zürich 1949, S. 225-229.


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