Die Linke.SDS Köln

Kapitalisten, Schmalspurstudium und Muße

Donnerstag 20. Oktober 2011 von Genosse Volja

Eine Antwort aus dem Jahre 2007 (?) des Genossen Volja auf einen verwirrten Kommilitonen

Dieser Text soll zeigen, wohin die Energie eines (studentischen) Schreiberlings nicht gehen sollte und wohin sie wirklich gehen sollte. In der 33. Ausgabe der Zeitung der Fachschaft RWC/Sinologie der Uni zu Köln wurde ein wenig geglückter Beitrag eines Kommilitonen abgedruckt. Betitelt wurde er mit „Von Löwen und Lämmern oder: Ode an die Faulheit“. In der „Ode“ werden die so genannten „Schmalspurstudenten“ behandelt, und zwar wie Menschen zweiter Klasse. Und wieso auch nicht? Schließlich seien sie „faule Individuen“, bedienten sich der „Schmarotzerei“ und hätten womöglich Schmerzen beim eigenständigen Denken.

Ursache für die Hetze auf seine Kommilitonen ist wahrscheinlich nicht seine Sorge um die „ordentlichen Studenten“, sondern womöglich die Sorge um seinen eigenen Marktwert nach dem Studium. Schließlich werde ja sein Diplom durch „faule Müßiggänger“ abgewertet, die keinerlei Eigenleistung zeigten, ausgenommen ihrer Kopier- und Klauwut.

Trotz zahlreicher Wirrungen in seinem Text, hat er allerdings in einem Recht: sein Kampf gegen seine Kommilitonen ist wahrlich ein „Kampf gegen Windmühlen“. Sein Schimpfen hilft weder seinem Marktwert, noch macht es die „Schmalspurstudenten“ später zu fleißigeren Lohnarbeitern. Entsprechend seinem aussichtslosem Kampf gegen sein eigenes Interesse sucht er leider nicht nach einer Antwort auf eine Frage, die er im Text selbst stellt. Er fragt, warum man „als Student immer auf die da oben an der Macht“ schimpft, geht dem aber nicht nach, sondern belässt es bei der Rhetorik. Eben deswegen, weil er keine Antwort liefern kann ist sein Kampf am „Ort der Absurditäten“, an der Uni, selbst absurd. Der vorliegende Text soll auf die Frage eingehen.

Was den Müßiggänger angeht, so ist er eher ein Vorbild denn eine Schande. Ein Spruch aus China besagt laut Wikipedia: "Einen Tag ungestört in Muße zu verleben heißt, einen Tag lang ein Unsterblicher zu sein." Entsprechend genossen z.B. die antiken schöngeistigen Griechen die Muße ausgiebig und zwar auf den Rücken ihrer Sklaven. Aber das heutige Verhältnis von müßigem Kapitalisten und schuftendem Lohnarbeiter ist hierbei kaum besser. Denn wie viele Leute können schon ungestört einen Tag oder gar ein Leben lang in ungestört verleben? Die Mehrheit der Menschen ist gehetzt, verunsichert und wird durch Lohnarbeit ausgebeutet. Und gerade daher gilt es, nicht auf gleich situierte Kommilitonen zusätzlich zu schimpfen, sondern sich zu fragen, weshalb die Studenten im 21. Jahrhundert in einem der reichsten Länder der Welt sich abhetzen und wie sie neben dem Jobben auch noch „ordentlich“ studieren sollen. Viel angebrachter als Kritik an „faulen Müßiggängern“ ist die Kritik der Verhältnisse an der Uni bzw. der gesellschaftlichen Verhältnisse: zwischen Lohnabhängigen und Kapitalisten, Deutschen und Chinesen, Frauen und Männern 等等. Nun beweisen die regelmäßigen Hasstiraden reaktionärer Politiker auf Migranten und Arbeitslose, dass das Schimpfen kein Mittel gegen Marktversagen und auch kein Ersatz für Kritik ist. Hingegen ist es durchaus fruchtend, auf die Handlungen derjenigen „da oben“ allgemein und speziell auf die unserer Landesregierung zu achten, die die Interessen derer „da oben“ gegen die Lohnabhängigen und kritischen Geister durchsetzt.

Die Tirade gegen nicht ganz so fleißige Kommilitonen ist vor allem deswegen unangebracht, weil keiner von ihnen mit dem Schmarotzertum einer ganz anderen Klasse von Menschen mithalten kann. Ich meine solche, die tausend Mal mehr besitzen, die aber gewiss nicht tausend Mal mehr gearbeitet oder tausend Mal mehr verdient haben als andere Menschen. Dennoch entlohnen sie sich selbst derart, als hätten sie uns allen den ewigen Weltfrieden gebracht und den Hunger abgeschafft. Weit davon entfernt, sind sie in ihrer Existenz als herrschende Klasse sogar dafür verantwortlich, dass wir immer noch Krieg und Hunger haben. Sie fabrizieren Waffen für Terroristen aller Art und für den Kampf gegen kriminalisierte soziale Bewegungen. Das sind allgemeine Probleme, die uns die herrschende Klasse macht. Müßige Kommilitonen sind hingegen bloß für Nachwuchsbourgeois ein Problem.

Die Studiengebühren. Nicht allzu beliebt bei Studis. Ich jedenfalls habe noch keine ernsthafte Demo für die Studiengebühren gesehen, jedoch viele Aktionen gegen sie mitbekommen. Da wird boykottiert, demonstriert, agiert und agitiert - und die Studiengebühren werden dennoch eingetrieben. Scheinbar ist da nichts zu machen, aber man merkt ja auch langsam die großartigen Verbesserungen – längere Öffnung der Bibliotheken, neue Anschaffungen an Büchern und Elektronik und vor allem die sinkende Zahl der Studenten an der Uni um mindestens 2.000 Abgefallene. Es gibt also weniger Studenten in den überfüllten Hörsälen. Das Rausschmeißen von Studis aus Hörsälen ist auch die eigentliche „Verbesserung“ der Lehre. Die Angst vor dem Rausschmiss dürfte ein Mittel für zunehmende „Eigenverantwortlichkeit“ bei Studis und vermehrte Lohnarbeit für den Standort Deutschland sein, was wiederum Mittel für das heilige Ziel der Kapitalakkumulation sein dürfte. Studenten arbeiten also weniger für ihre Bildung und dafür mehr für ihren Lohn. Das ist natürlich auch eine Möglichkeit, die von Marx und anderen kritisierte Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit aufzuheben. Nicht dass wir Studenten und Lohnabhängige dadurch mehr Muße erhielten, aber immerhin bedeutet es die Stabilität der Muße der schon erwähnten kapitalistischen Schmarotzer.

Bachelor und Master. Bislang habe ich auch keine Demo für die neuen Studiengänge gesehen. Ob das daran liegen könnte, dass diese die Studenten krankmachendem Prüfungsterror und ständiger Sorge vor mangelnder Konkurrenzfähigkeit aussetzen? Oder daran, dass dadurch universitäre Bildung durch ein „berufsqualifizierendes“ Schmalspurstudium ersetzt wird und Studenten von nun an zwangsweise „Schmalspurstudenten“ sein sollen? Auch die begrenzte Zulassung der Bachelor-Absolventen zum Master-Studium könnte vielleicht ein Grund zur Kritik sein. Aber nicht doch! Mehr Multiple-Choice-Klausuren, kürzere Hausarbeiten, weniger Seminare und stattdessen mehr Vorlesungen müssen der Mehrheit der Studis wohl reichen und ein Master für alle würde ja auch das Konzept der Entdemokratisierung und der Elite-Phantasien „von oben“ zunichte machen. Und solches könnte ja den deutschen Export ein wenig mindern und ist daher völlig undenkbar.

Der neue Hochschulrat. Er ist für die Mitglieder der Uni zu Köln das, was die Qing für die Han-Chinesen waren: eine Fremdherrschaft. 7 der 10 Mitglieder des Hochschulrats sind der Uni fremd: die bekannten Bildungsvereine Bayer AG und die Deutsche Bank sind u. a. vertreten. Ähnlich wie die Qing die Han-Chinesen in ihrem bürokratischem Apparat integriert hatten, um ihre Herrschaft zu festigen, hat der Hochschulrat immerhin noch drei Vertreter der Universität bei sich aufgenommen, allerdings keine Mitarbeiter und Studenten, sondern nur Profs. Außerdem ist der Vorsitzende immer ein Externer. So geht die reale Macht immer von Uni-Fremden aus. Weil der Hochschulrat nur etwa vier Mal im Jahr tagt, kann er nur die grobe Ausrichtung der Uni festlegen oder besonders wichtige Geschäfte wie z.B. die Abschaffung von zu kulturbelasteten Studiengängen diktieren.

Der Senat, in dem immerhin noch Studenten und Mitarbeiter eine Stimme hatten, wird durch den Hochschulrat entmachtet und bekommt nur noch die Funktion der Beratung, während das Rektorat eine Stärkung erfährt, also weiter in Richtung einer Diktatur geht, die sich nur vor dem Hochschulrat rechtfertigen muss. Ernannt wurden die Mitglieder übrigens teils vom Senat, teils von einem Ministerium, das Bildung ausverkauft, und nicht von Studenten oder Mitarbeitern. Studenten und Professoren haben schließlich keine Ahnung von der Materie, hingegen die Deutsche Bank weiß genau, wie Studenten gebildet werden müssen.

Bekanntlich wurden die Qing von Anfang an von den Han bekämpft und Brunnenvergiftungen machten den früheren mandschurischen Nomaden das Leben schwer. Ebenso gab es großen Widerstand gegen den Hochschulrat unter anderem durch massenweise Flugblätter, mehrere Aktionstage fortschrittlicher Hochschulgruppen (Jusos, AL, Linke.SDS, Campus: Grün, Gebührenboykottgruppe, Widerstandsgruppe), die Rektoratsbesetzung, Widerspruch durch Gewerkschaften, Parteien und Verbände, Demonstrationen und Mundpropaganda. Alles das hat in Köln noch nicht zur Vertreibung der Fremdherrschaft geführt, hat aber dazu beigetragen, das Bewusstsein des universitären Volkes zu schärfen und ein Nachdenken zu bewirken. Der Rektor hat sogar auf polizeiliche Gewalt und Anzeigen gegen die Rektoratsbesetzer zurückgegriffen. Seine Behauptung, er kämpfe für die Studenten, wird dadurch nicht glaubwürdiger als die Phrasen der verlogenen Kaiserinwitwe Cixi.

Ebenso wie die Qing, wird auch der Hochschulrat (und vielleicht mit ihm die Landesregierung?) gestürzt werden und das Trio der Despotie (Reformen, Polizeigewalt..), der Misswirtschaft (Studiengebühren, kaputte Hörsäle..) und der Dekadenz (Bachelor, Master..) dieser Uni behoben, wenn wir uns das erkämpfen. Beteiligt euch daher an fortschrittlichen Hochschulgruppen, an Demonstrationen oder am solidarischen Gebührenboykott an der Uni zu Köln! Macht euch eure Lage bewusst, kritisiert „die da oben“ und verbessert selbst eure Lage! Dann könnt ihr wirklich „ordentlich“ studieren und die Uni wird nicht mehr so absurd sein. In diesem Sinne: 起来!不愿做奴隶的人们! Übersetzt: „Erhebt euch! Menschen, die ihr keine Sklaven sein wollt!“


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