Die Linke.SDS Köln

Zitat der Woche, 03.02.2014: Kiautschou, Bananen und „Wilde“

Montag 3. Februar 2014 von Ш.Ю. Голц

Eduard Bernstein (1850-1932) wird praktisch ständig als moralische Instanz präsentiert, die der SPD den Weg gewiesen habe. Beides ist Unsinn. Für die praktische Politik der Partei waren seine Theorien weitgehend irrelevant. Und das in den Schulbüchern gezeichnete Bild vom Aufklärer hat wenig mit dem historisch greifbaren Bernstein gemeinsam, der offen einen kulturellen Rassismus vertrat. Seine verlogene Art und das Bullshitten dürften in den hier zitierten Zeilen deutlich werden. Ob dies zu einer Korrektur des Geschichtsbildes beiträgt, ist allerdings auf Grund der enormen Wichtigkeit des Bernstein-Mythos fraglich.

„Prinzipiell ist es für den Sozialismus oder die Arbeiterbewegung heute ganz gleichgültig, ob neue Kolonien Erfolge erzielen oder nicht. [...] In dieser Hinsicht hätte die deutsche Sozialdemokratie von der Kolonialpolitik des Deutschen Reiches ganz und gar nichts zu fürchten. Und weil dem so ist, weil die Entwicklung der Kolonien, die Deutschland erworben hat (und von denen, die es etwa noch erwerben könnte, gilt das Gleiche), so viel Zeit in Anspruch nehmen wird, das von nennenswerter Rückwirkung auf die sozialen Verhältnisse Deutschlands auf lange Jahre hinaus nicht die Rede sein kann, gerade aus diesem Grunde kann die deutsche Sozialdemokratie auch die Frage dieser Kolonien ohne Voreingenommenheit behandeln. Selbst von ernsthafter Rückwirkung des Kolonialbesitzen auf die politischen Verhältnisse in Deutschland kann nicht die Rede sein. Der Marinechauvinismus z.B. steht unzweifelhaft mit dem Kolonialchauvinismus in enger Verbindung und zieht aus ihm eine gewisse Nahrung. Aber er würde auch ohne ihn bestehen, wie Deutschland seine Marine hatte, lange ehe es an den Erwerb von Kolonien dachte. Immerhin ist einzuräumen, dass dieser Zusammenhang noch ans ehesten geeignet ist, eine grundsätzliche Bekämpfung der Kolonialpolitik zu rechtfertigen.

Sonst liegt wohl Grund vor, bei Erwerbung von Kolonien stets deren Wert und Aussichten streng zu prüfen und die Abfindung und Behandlung der Eingeborenen, sowie die sonstige Verwaltung scharf zu kontrollieren, aber kein Grund, solchen Erwerb als etwas von vornherein Verwerfliches zu betrachten. Ihre, durch das gegenwärtige Regierungssystem gebotene politische Stellung verbietet der Sozialdemokratie, in diesen Dingen eine andere als kritisierende Haltung einzunehmen, und die Frage, ob Deutschland heute der Kolonien bedarf, kann hinsichtlich der Kolonien, die überhaupt noch zu haben sind, mit gutem Fug verneint werden. Aber auch die Zukunft hat an uns ihre Rechte. Wenn wir berücksichtigen, dass Deutschland zur Zeit jährlich ganz erhebliche Mengen Kolonialprodukte einführt, so müssen wir uns auch sagen, dass einmal die Zeit kommen kann, wo es wünschenswert sein mag, mindestens einen Teil dieser Produkte aus eigenen Kolonien beziehen zu können. Wir mögen uns den Gang der Entwicklung in Deutschland so rasch wie nur möglich vorstellen, so werden wir uns doch darüber keinen Täuschungen hingeben können, dass in einer ganzen Reihe anderer Länder es noch eine geraume Zeit braucht, bis sie zum Sozialismus übergehen werden. Wenn es aber nicht verwerflich ist, die Produkte tropischer Pflanzungen zu genießen, so kann es auch nicht verwerflich sein, solche Pflanzungen selbst zu bewirten. Nicht das Ob, sondern das Wie ist hier das Entscheidende. Es ist weder nötig, dass Besetzung tropischer Länder durch Europäer den Eingeborenen Schaden an ihrem Lebensgenuss bringt, noch ist es selbst bisher durchgängig der Fall gewesen. Zudem kann nur ein bedingtes Recht der Wilden auf den von ihnen besetzten Boden anerkannt werden. Die höhere Kultur hat hier im äußersten Falle auch das höhere Recht. Nicht die Eroberung, sondern die Bewirtung des Bodens gibt den geschichtlichen Rechtstitel auf seine Benutzung.“ [1]

„Und ohne in den Verdacht des Chauvinismus zu geraten, wird man wohl sagen dürfen, daß an einer vernünftigen geographischen Ausbreitung der Nation auch das Proletariat ein Interesse hat. Wir haben nicht nur Gegenwartsinteressen, sondern auch Zukunftsinteressen der Menschheit wahrzunehmen und stehen bei der Siedelungsfrage noch mit andern Völkern, als mit den europäischen Kulturvölkern, in Wettbewerb. Ich bin der letzte, die mongolische Gefahr zu übertreiben. Aber ich bin darum nicht blind gegen das Vordringen des Mongolentums und die Probleme, die es birgt. Sie gehen unsere Arbeiterschaft nicht nur in dem Sinne an, wie sie heute die nordamerikanische und australische Arbeiterschaft beschäftigen, sie beziehen sich auch auf das zukünftige territoriale und sonstige Verhältnis der Kulturen zu einander. Die Arbeiterschaft führt aber ihren Klassenkampf gegen die heute herrschenden Klassen nicht nur als deren Gegner, sondern auch als ihr Erbe und darf daher keine Menschheitsfrage um deswillen ignorieren oder gar negieren, weil sie zunächst als eine Frage der Herrschenden erscheint.“ [2]

[1] Eduard Bernstein: „Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie“, Reinbek bei Hamburg 1969, S. 179-180.

[2] Die Kolonialfrage und der Klassenkampf / Eduard Bernstein. - [Electronic ed.]. In: Sozialistische Monatshefte. - 11 = 13(1907), H. 12190712, S. 988 - 996


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