Die Linke.SDS Köln

Zitat der Woche, 21.10.2013: Lenin & Klaus über Dialektik

Montag 21. Oktober 2013 von Ш.Ю. Голц

Dialektik ist eines der Kernstücke des Marxismus. Aber, was ist das eigentlich nun? Für Einsteiger eine Frage, die übelster Sekundärliteratur sei dank künstlich zu einer harten Nuss gemacht worden ist. Nicht zu vergessen, dass so mancher Wundermittelchenverkäufer (z.B. Adorno) dann auch noch sogleich mit seiner eigenen „Dialektik“ hausieren geht, die sich letztlich als etwas ganz anderes herausstellt (z.B. als verschwafelte Kopie der Rousseau’schen Dekadenztheorie).

Lenins Dialektikverständnis verträgt sich mit Marx und Kautsky, aber auch mit Georg Klaus und - teilweise - mit Kurt Lewins Feldtheorie. In diesem Sinne gefasst, d.h. gestützt auf die genannten Herren, ist der Einstieg in die Dialektik am Besten zu packen und auch gar nicht mehr so „abgedreht“.

„Spaltung des Einheitlichen und Erkenntnis seiner widersprechenden Bestandteile ist das Wesen der Dialektik. Geradeso stellt auch Hegel die Frage. [...]

Einheit der Gegensätze bedeutet Anerkennung widersprechender, einander ausschließender, gegensätzlicher Tendenzen in allen Erscheinungen und Vorgängen der Natur (darunter auch des Geistes und der Gesellschaft). Bedingung der Erkenntnis aller Vorgänge in der Welt in ihrer ‚Selbstbewegung‘, in ihrer spontanen Entwicklung, in ihrem lebendigen Leben ist die Erkenntnis derselben als Einheit von Gegensätzen. Entwicklung ist ‚Kampf‘ der Gegensätze. Die beiden möglichen Konzeptionen der Evolution sind:

1.) Entwicklung als Abnahme und Zunahme, als Wiederholung und

2.) Spaltung des Einheitlichen in einander ausschließende Gegensätze und das Wechselverhältnis zwischen ihnen.

Bei der ersten Konzeption der Bewegung bleibt die ‚Selbst‘-Bewegung, ihre treibende Kraft, ihre Quelle, ihr Motiv im Dunkel (oder diese Quelle wird nach außen verlegt - Gott, Subjekt etc.). Bei der zweiten Konzeption richtet sich die Hauptaufmerksamkeit gerade auf die Quelle der ‚Selbst‘-Bewegung.

Die erste Konzeption ist tot, farblos, trocken. Die zweite lebendig. Nur diese zweite liefert den Schlüssel zu der ‚Selbstbewegung‘ alles Seienden; nur sie liefert den Schlüssel zu den ‚Sprüngen‘, zum ‚Abbrechen der Allmählichkeit‘, zum ‚Umschlagen in das Gegenteil‘, zum Vergehen des Alten und Entstehen des Neuen.

Die Einheit der Gegensätze ist bedingt, zeitweilig, vergänglich, relativ. Der Kampf der einander ausschließenden Gegensätze ist, absolut, wie die Entwicklung, die Bewegung absolut ist.“ [1]

- - - - - - - - - - - - - - -

„[Ein dialektischer Widerspruch ist die] Relation zweier materieller oder geistiger Dinge, Eigenschaften, Prozesse usw. K1 und K2, die sich wie folgt beschreiben lässt:

a) K1 und K2 bedingen sich gegenseitig, setzen einander voraus.

b) Diese Einheit und das Sich-gegenseitig-Bedingen ist die Ursache der relativen Stabilität der Gebilde, die diesen Widerspruch in sich haben.

c) K1 und K2 sind einander entgegengesetzt, sie befinden sich miteinander in Widerstreit, im ‚Kampf‘ (dies im allgemeinen Sinne der Spieltheorie verstanden).

d) Während die Einheit von K1 und K2 Grundlage der relativen Stabilität ist, trägt der Kampf beider Komponenten die Tendenz zur Aufhebung des Widerspruchs und damit zur Änderung der Qualität, innerhalb derer der Widerspruch auftritt, in sich.

e) K1 und K2 entwickeln sich in unterschiedlicher Weise, und dies führt an einem bestimmten Punkt der Entwicklung zur maximalen Zuspitzung des Widerspruchs, zur Sprengung der Einheit und erzeugt einen Sprung, der die neue Qualität herbeiführt.

Es muss zwischen inneren und äußeren Widersprüchen unterschieden werden. Innere Widersprüche sind solche, die in bestimmten Systemen auftreten, das Wesen dieser Systeme ausmachen und deren Entwicklung letztlich bestimmen. Äußere Widersprüche sind die zwischen System und Umgebung. Die inneren und äußeren Widersprüche stehen ihrerseits in bestimmten Beziehungen zueinander. Hier geht es im wesentlichen um die Beziehung der Kategorie des dialektischen Widerspruchs zur Kybernetik. Wenn mit Recht davon gesprochen werden kann, dass die Kybernetik ihrem Wesen nach von Anfang an dialektisch und materialistisch war, so trifft dies insbesondere auf die Kategorie des dialektischen Widerspruchs und ihre Beziehungen zu zu dieser neuen Wissenschaftsdisziplin zu. Dynamische selbstregulierende Systeme, die der Grundtyp der kybernetischen Systeme sind, verdanken ihre relative Stabilität gegenüber äußeren Störungen bestimmten Formen der Rückkopplung. Ein solches System wird von einem inneren dialektischen Widerspruch beherrscht. Die beiden Komponenten K1 und K2 sind hier die unter dem Einfluss von Störungen erzeugte Tendenz der Regelgröße, vom Sollwert abzuweichen, und die von der Rückkopplung und dem Regler erzeugte Gegentendenz, die zur Rückkehr des tatsächlichen Werts der Regelgröße zum Sollwert führt. Eine Prüfung im einzelnen zeigt, dass die oben angeführten Merkmale des dialektischen Widerspruchs sämtlich gegeben sind. Der Regler bzw. der Sollwert und die Störungen, die auf die Regelgröße einwirken, können als zwei Partner eines strategischen Spiels betrachtet werden. Der oben skizzierte dialektische Widerspruch erscheint dann als Widerstreit im Sinne der naiven heraklitischen Dialektik. Unter diesem Aspekt kann die Spieltheorie als eine mathematische Theorie des dialektischen Widerspruchs betrachtet werden. Einer der beiden ‚Gegner‘ ist ‚geschlagen‘ (der dialektische Widerspruch hat sich aufgelöst), wenn er auf die ‚Züge‘ des ‚Gegners‘ keine ‚Gegenzüge‘ mehr hat. Für den Spieler ‚Umgebung‘ ist das Spiel ‚gewonnen‘, wenn er solche Störungen hervorbringen kann, die die Regelgröße über den Stabilitätsbereich hinaustreiben. Der Spieler ‚Regler‘ hingegen ‚gewinnt‘, wenn er bei jedem ‚Zug‘ des Gegenspielers die Regelgröße innerhalb des Stabilitätsbereiches halten kann.“ [2]

[1] vgl. Lenin, Werke, Bd. 38, S. 338-344. (Redigiert von Ш.Ю. Голц.)

[2] Klaus, Georg (Hrsg.): „Wörterbuch der Kybernetik“, (Ost-)Berlin 1968, S. 141-143.


Startseite | Kontakt | Sitemap | Redaktion | Webmail | Besuche: 51122

Realisiert mit SPIP 2.1.21 + ALTERNATIVES

RSSde RSSZitat der Woche