Die Linke.SDS Köln

Zur Relevanz marxistischer Klassenanalyse

Montag 5. Dezember 2011 von Genosse Volja

Hier soll geklärt werden, wieso Marxisten so gerne auf Begriffe wie „Klasse“, „Klassenkampf“, „Klassenbewusstsein“ und „Klassengesellschaft“ bestehen und welche Relevanz die historisch-materialistische Klassenanalyse heute noch hat.

Sind Klassenanalyse, Klassenkampf und Klassenherrschaft irrelavente Begriffe?

Schauen wir, was der ungeliebte große Bruder, der Verfassungsschutz, zu Klassenkampf und Klassenherrschaft sagt:

Linksextremisten wollen entweder einen marxistisch-leninistischen Staat oder eine „herrschaftsfreie Gesellschaft“ errichten. Sie verbindet das Bekenntnis zur revolutionären Gewalt, zum Klassenkampf und zur Klassenherrschaft.

Gewalt, Kampf und Herrschaft, zu denen sich die Linksextremisten bekennen! Klingt das nicht gewaltverherrlichend, gewalttätig und diktatorisch? Erklärt dieser Hinweis nicht bereits die Untauglichkeit der Klassenanalyse für DemokratInnen und WissenschafterInnen? Weiß denn nicht längst jeder und jede, dass „drüben im Osten“ weder Demokratie noch Wissenschaft geschätzt wurden und alles der Diktatur der "Arbeiterklasse" und ihrem "Klassenkampf" geopfert wurde? Diese Fragen provoziert der Verfassungsschutz, dieser gewiefte Berufspolemiker.

Als sonst vernachlässigtes Einzelkind steht der Verfassungsschutz aber nicht alleine da bei der Ablehnung von ernsthafter Analyse der Gesellschaft, die er - aus seinem aufrichtigen Bekenntnis zur konterrevolutionären Gewalt, zum Klassenkampf von oben und zur bürgerlichen Klassenherrschaft heraus - verteidigt.

Ganz im Sinne der Herrschenden denken einige Leute, es gäbe ja keine Klassengesellschaft, wenn ein Tellerwäscher zum Millionär aufsteigen kann oder ein Informatikfreak in seiner Garage zum reichsten Mann der Welt werden kann. Man müsse sich nur anstrengen und ein wenig Glück haben und schon könne man reich werden. Klassen seien also gar nicht vorhanden, sondern es gebe nur gleich berechtigte Individuen. Was übrig bleibt ist der individuelle Fleiß, die individuelle Intelligenz oder das individuelle Glück. Jeder sei bloß seines Glückes eigener Schmied. So einfach sei das! Demnach wollen nur wenige Menschen wohlhabend sein.

Der Soziologe Theodor Geiger entwickelte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine von der marxistischen Klassenanalyse ausgehende Schichtensoziologie. Die Schicht war für ihn der Oberbegriff für Klassen, Stände, Kasten und andere vertikale Stratifizierungen der Gesellschaft. Er kritisierte aber auch den Klassenkampfbegriff. Aus seiner Theorie haben sich dann Schichtentheorien entwickelt, die explizit gegen die Klassenanalyse gerichtet waren und den ganzen Begriff der Klasse als unwissenschaftlich oder zumindest als oberflächlich und unnütz abgetan haben. Die mittlerweile fast wieder vergessene Theorie von der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ ist exemplarisch dafür.

Im linken Spektrum gab es immer wieder Theoretiker, die die Klassenanalyse verworfen und etwas anderes an ihre Stelle gesetzt haben. Bernstein ging als erster SPDler explizit von einem Verschwinden der Klassen im Kapitalismus aus. Er vertrat damit die Idee, dass alle Menschen gleichermaßen Bürger der bürgerlichen Gesellschaft würden. Für ihn war Klassenanalyse damit nicht mehr nötig. Die SPD schloss sich spätestens mit dem Godesberger Programm von 1959 dann auch offiziell dieser Theorie des „proletarischen Bürgers“ an und sah sich seit dem als Volkspartei. Das war ihre programmatische Abkehr von Klassenanalyse, Klassenkampf und dem alten Selbstverständnis als Partei der Arbeiterklasse. Demokratischer wurde sie dadurch nicht. Anarchistische und post-marxistische Theoretiker vertreten die Ansicht, dass die Arbeiterklasse sich aufgelöst hat, völlig zersplittert ist oder sich so weit differenziert hat, sodass sie kein revolutionäres Subjekt mehr sein kann und daher andere Gruppen als revolutionär ausgemacht werden müssen.

Diese Ansichten verwerfen die Klassenanalyse also aus ganz verschiedenen ideologischen Gründen. Was ihnen aber gemeinsam ist, ist die Annahme, dass die heutige kapitalistische Gesellschaft bereits eine klassenlose Gesellschaft, wenn auch kein Kommunismus sei. Es gibt sogar Witzbolde, die sagen, die BRD sei nicht einmal kapitalistisch, sondern nur eine „soziale Marktwirtschaft“.

Wenn unsere Gesellschaft bereits klassenlos ist, dann sind Kommunisten, die eine klassenlose Gesellschaft durch einen revolutionär-gewaltsamen Umsturz erstreben, natürlich blutlüsterne Spinner und naive Träumer in einem (wie es der Verfassungsschutz ja auch im obigen Zitat nahelegt)! Außerdem kann man sich ja auf die Schichtensoziologie stützen, die die Klassenanalyse als unwissenschaftlich verwirft. Von Wissenschaft hätten Kommunisten daher also auch keine Ahnung. (So ließen sich übrigens schon mal Berufsverbote und politische Verfolgung rechtfertigen. Inquisition, Zarismus und Stasi sind doch nicht etwa Vorbilder für den großen Bruder?)

Diese ideologischen Konstrukte nennt man „bürgerlichen Idealismus“: Durch die Idealisierung der bürgerlichen Gesellschaft wird ihre Realität verkannt, in ihr bereits die klassenlose Gesellschaft gesehen mit all den Freiheiten, die erst im Kommunismus möglich sind, und der reale Kampf um diese Freiheiten wird auch noch verhöhnt. Der „bürgerliche Idealismus“ ist also zumindest konservativ, häufig aber gar reaktionär. Immer aber ist eigentlich er selbst Unsinn und Träumerei.

Im Anschluss soll gezeigt werden, dass einerseits diese Ansichten selbst wissenschaftliche Mängel aufweisen, daher falsch sind und noch dazu selbst ideologisch schwer belastet sind; dass andererseits die marxistische Klassenanalyse immer noch von großer Relevanz ist, zu wissenschaftlichen Erkenntnissen beiträgt und der demokratischen Meinungsbildung behilflich sein kann.

Die Anfänge der Klassenanalyse, ihre Entwicklung und ihr Wesen

Marx hat die Klassenanalyse nicht erfunden. Auch den Klassenkampf hat er sich nicht ausgedacht. Nicht einmal den Kommunismus hat er sich herbeifantasiert. Marx war lediglich die Person, die zum ersten Mal auf so hohem wissenschaftlichen Niveau das Studium der gesellschaftlichen Klassen mit den kommunistischen Ideen verbunden hat.

Die Anfänge der modernen Klassenanalyse sind vielmehr bei der heute herrschenden Klasse und ihren Parteigängern zu suchen. Die bürgerlichen Theoretiker Adam Ferguson, Adam Smith und David Ricardo, die des Kommunismus unverdächtig sind, haben die Bevölkerung schon anhand ihrer Stellung zu den Produktionsmitteln eingeteilt und auch schon die Unterschiede zwischen Kapitalisten und Lohnarbeitern gesehen. Ihre Erkenntnis des Klassencharakters der modernen Gesellschaft kam erst zustande, nachdem dieser Klassencharakter anhand der städtischen Armut und der Maschinenstürmerei der Arbeiter offensichtlich wurde. Bürgerliche Klassentheoretiker rechtfertigten den Aufstieg der bürgerlichen Klasse mit ihrem Anspruch auf den universellen Fortschritt und diskreditierten die unproduktiven mittelalterlichen Klassen. Nach den bürgerlichen Revolutionen verdrängten sie aber die Klassenanalyse und proklamierten die angeblich erreichte Gleichheit aller Bürger, um nun die revolutionär-sozialistischen Bewegungen diskreditieren zu können. Ähnliches tut der bürgerliche Idealismus noch immer.

Die Kommunisten seit Marx nahmen die Klassenanalyse wieder auf. Marx schrieb:

Die Bevölkerung ist eine Abstraktion, wenn ich z.B. die Klassen, aus denen sie besteht, weglasse. Diese Klassen sind wieder ein leeres Wort, wenn ich die Elemente nicht kenne, auf denen sie beruhn, z.B. Lohnarbeit, Kapital etc...

Lenin betonte die Bedeutung der Klassenanalyse für die Erkenntnis der Gesellschaft noch entschiedener:

Das Bewußtsein der Arbeitermassen kann kein wahrhaftes Klassenbewußtsein sein, wenn die Arbeiter es nicht an konkreten und dazu unbedingt an brennenden (aktuellen) politischen Tatsachen und Ereignissen lernen, jede andere Klasse der Gesellschaft in allen Erscheinungsformen des geistigen, moralischen und politischen Lebens dieser Klassen zu beobachten; wenn sie es nicht lernen, die materialistische Analyse und materialistische Beurteilung aller Seiten der Tätigkeit und des Lebens aller Klassen, Schichten und Gruppen der Bevölkerung in der Praxis anzuwenden. Wer die Aufmerksamkeit, die Beobachtungsgabe und das Bewußtsein der Arbeiterklasse ausschließlich oder auch nur vorwiegend auf sie selber lenkt, der ist kein [revolutionärer] Sozialdemokrat, denn die Selbsterkenntnis der Arbeiterklasse ist untrennbar verbunden mit der absoluten Klarheit nicht nur der theoretischen ... sogar richtiger gesagt: nicht so sehr der theoretischen als vielmehr der durch die Erfahrung des politischen Lebens erarbeiteten Vorstellungen von den Wechselbeziehungen aller Klassen der modernen Gesellschaft.

Für die Marxisten ist die Klassenanalyse also zentral für das Verständnis einer konkreten Gesellschaft und für die daraus zu folgernde Politik. Der allgemeine Verweis auf die „Klassengesellschaft“ reicht aber nicht. Klassenanalyse heißt konkrete Analyse der verschiedenen Klassen. Die marxistische Klassenanalyse ist auch keine akademische Disziplin mit dem bloß soziologischen Ziel der Strukturanalyse, sondern sie ist zugleich Geschichtswissenschaft, Ideologiekritik und praktische Handlungsanweisung.

Die marxistische Klassenanalyse

Wenn man die sozialgeschichtliche Bedeutung der Klassen nicht beachtet, kann man allerhand gesellschaftliche Kämpfe, ihre Ursachen und ihre Resultate nicht verstehen. Eigentlich kann man die Geschichte dann überhaupt nicht verstehen und sie nicht erklären, sondern sie nur oberflächlich beschreiben. Im Kommunistischen Manifest heißt es daher:

Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.

Die bürgerlichen Revolutionen und die Kämpfe der Arbeiterbewegung für mehr Demokratie sowie die staatskapitalistischen Entwicklungsdiktaturen seit der russischen Revolution können gar nicht anders verstanden werden denn als politischer Ausdruck der Gegensätze der verschiedenen Klassen. Bürgerliche Idealisten sehen in ihnen eine bloße „Gewaltgeschichte“, den Irrsinn der Massen, den Beweis für die Notwendigkeit der staatlichen Unterdrückung usw. Darin zeigt sich die traurige Begrenztheit bürgerlichen Denkens.

Die zwei Hauptklassen im Kapitalismus, die im Marxismus ausfindig gemacht werden, sind die Bourgeoisie, sprich die Kapitalisten, und das Proletariat, sprich die (Lohn-)Arbeiterklasse.

Die Bourgeoisie produziert selbst nichts weiter als den Kapitalfluss und damit ihren eigenen „Totengräber“, wie Marx und Engels es ausdrückten. Als Eigentümerin des vom Proletariat erarbeiteten Reichtums ist die Bourgeoisie für das Funktionieren der Gesellschaft eigentlich überflüssig. „Die Bourgeoisie erweist sich, als überflüssige Klasse; alle ihre gesellschaftlichen Funktionen werden jetzt erfüllt durch besoldete Angestellte“, so Engels. Aber sie ist nicht nur überflüssig, sondern auch höchst destruktiv. Sie finanziert Kriege und demokratiefeindliche Praktiken, verhindert die allseitige Versorgung der Menschen mit Nahrung, Medizin und Bildung und beschränkt allgemein die menschlichen Möglichkeiten künstlich. Bill Gates und Co. mögen zwar viel Geld spenden, aber ohne seine Klasse wären diese Spenden gar nicht erst nötig. Und Kriege wie auch Geheimdienste wären kaum noch möglich. Die Bourgeoisie ist damit zur reaktionärsten Klasse geworden, d.h. zum größten Hindernis für den gesellschaftlichen Fortschritt.

Die Arbeiterklasse erarbeitet das Kapital, den Reichtum der Gesellschaft und die kapitalistische Gesellschaft als Ganzes. Würde die Arbeiterklasse als Ganzes mit einem Mal aufhören, zu arbeiten, dürfte die ganze Gesellschaft ziemlich schnell zusammenbrechen. Das ist der illusionäre Traum bei gewissen Anarchisten. Aber die Arbeiter können das nicht tun, weil sie „nur so lange leben, als sie Arbeit finden, und die nur so lange Arbeit finden, als ihre Arbeit das Kapital vermehrt.“ Die Arbeiterklasse produziert und unterhält bislang damit ihren eigenen Ausbeuter und Unterdrücker, d.h. die Herrschaft der Bourgeoisie. Da sie selbst so gut wie eigentumslos ist und bloß die Freiheit zur Lohnarbeit hat, ist sie also an das Kapital gebunden. Zu ihr gehören lohnabhängige Handwerker wie Industriearbeiter, Handarbeiter wie Techniker, in der Fabrik wie im Büro tätige Lohnabhängige. Nicht das Bildungsniveau, das Arbeitsgerät oder Handarbeit definieren den Arbeiter, sondern seine Stellung im Produktionsprozess. Der moderne Arbeiter produziert Kapital und bekommt dafür einen Teil des von ihm selbst produzierten (Wert-)Produktes als Lohn. Da diese in sich sehr differenzierte Klasse tatsächlich die ganze kapitalistische Produktion am Laufen hält, muss sie diese Produktion „nur“ gemeinsam und demokratisch in Besitz nehmen und sich vom Joch der kapitalistischen Klasse befreien, um die Produktionsverhältnisse umzuwälzen. Diese Umwälzung ist die kommunistische Revolution, der Kommunismus.

Mit dem Kapitalfluss produziert die Bourgeoisie zugleich den Fortschritt in der Gesellschaft, ihren proletarischen Totengräber. Die Kapitalisten kooperieren nämlich nur sehr begrenzt und konkurrieren stets um Kapital. Sie sind daher dazu gezwungen, immer mehr Kapital für sich anzusammeln. Dazu belohnt sie zwar die Arbeiterklasse bescheiden, aber zugleich beutet sie diese aus und senkt ihren Lebensstandard im Vergleich zu dem immer größer werdenden Reichtum. Selbst wenn die Arbeiter absolut gesehen reicher werden, so verarmen sie relativ zur Kapitalistenklasse. Das produziert aber auch Widerstand in der Arbeiterklasse. Eine organisierte Arbeiterbewegung bildet sich. Ein proletarisches Klassenbewusstsein entwickelt sich in der Arbeiterbewegung. Die Arbeiterbewegung macht sich die eigene gesellschaftliche Bedeutung bewusst und ihren Gegensatz zur Klassengesellschaft. Um gegen die eigene ökonomische Ausbeutung und staatliche Unterdrückung anzukämpfen, muss die Arbeiterklasse den Spieß umdrehen und selbst gegen die Kapitalistenklasse Klassenkampf betreiben. Sie tendiert damit zur Revolution.

Sie kann dafür aber nicht einfach eine neue Klassenherrschaft in einem „marxistisch-leninistischen Staat“ aufbauen, wie es der Verfassungsschutz behauptet, sondern sie muss die ganze Klassengesellschaft überwinden. Sonst baut sie nur eine weitere Klassengesellschaft auf. Und das wollen Kommunisten eben nicht. Die Klassengesellschaft überwinden heißt, dass alle Klassen in einer klassenlosen Gesellschaft verschwinden, in der „die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die Entwicklung aller“ ist. Die Eroberung der Staatsmacht ist bloß eine Voraussetzung für solch eine Gesellschaft. Der Kommunismus kann also keine Diktatur einer herrschenden Clique wie im Ostblock sein, sondern alle unterdrückten Klassen müssen sich für ihre eigene Befreiung einsetzen. Die Arbeiterklasse muss als revolutionäre Klasse mit der Kapitalistenklasse um die „Hegemonie“ gegenüber den anderen Klassen kämpfen, also ihre aktive oder passive Unterstützung beim Klassenkampf, beim Kampf gegen Ausbeutung, Unterdrückung und den bürgerlichen Idealismus gewinnen.

Welche anderen Klassen sind das? Im Wesentlichen die Großgrundbesitzer, die Kleinbürger und die „Lumpen“.

Die Großgrundbesitzerklasse ist in den entwickelten Staaten so gut wie verschwunden bzw. ist in die Bourgeoisie aufgegangen und spielt insofern keine eigenständige Rolle mehr. Da wo sie noch existiert, ist sie eine reaktionäre und unterdrückende Klasse und unterstützt mit ihrem Eigentum ähnlich wie die Bourgeoisie rückschrittliche politische Bewegungen. Aufgrund ihrer Bindung an den Boden kann sie aber gegen die Bourgeoisie ausgespielt werden.

Die Kleinbourgeoisie, das Kleinbürgertum - die Eigentum besitzenden und selbstständig arbeitenden Mittelschichten - ist dem Namen nach schon gekennzeichnet. Sie steht einerseits zwischen der (Groß-)Bourgeoisie und den Großgrundbesitzern über ihr und dem Proletariat unter ihr andererseits. Sie produziert ihr eigenes Eigentum und hat das größte Interesse an diesem. Sie verkauft ihr Eigentum teils als stoffliche oder dienstleistungsmäßige Ware und vermehrt damit den eigenen Reichtum. Aber dieses Eigentum ist nicht groß genug, um (großer) Kapitalist zu werden. Die Kleinbourgeoisie ist als Klasse die selbst arbeitende Karikatur der Bourgeoisie oder des Großgrundbesitzers. Zu ihr zählen z.B. selbstständige Handwerker, Kleinhändler, Ärzte, Juristen, Literaten und Bauern. Einzelne Mitglieder steigen zur Bourgeoisie oder in den Großgrundbesitz auf, andere fallen ins eigentumslose Proletariat oder ins Lumpenproletariat. In Krisen wird diese Aufspaltung forciert und führt zu politischen Fluchtreaktionen, die äußerst reaktionär oder auch progressiv sein können. Das hängt ganz von den jeweiligen Umständen ab.

Viele gesellschaftliche Bewegungen lassen sich erst aus ihrem kleinbürgerlichen Klassencharakter erklären: die Jakobiner in der französischen Revolution, maoistische und islamistische Bewegungen haben ihre Ursprünge im Kleinbürgertum. Die faschistischen Bewegungen entstehen zum großen Teil aus dem Kleinbürgertum. Bei schweren Krisen verfallen sie in ihrem Elend und ihrer Verzweiflung einfachen Losungen und Lösungsversuchen. Politisch sind diese Bewegungen höchst unterschiedlich und eine Gleichsetzung, wie sie von gewissen Ex-Linken gemacht wird, ist gefährlich und unsinnig. Zudem ist das Kleinbürgertum, vor allem wenn selbst proletarisiert, ein potenzieller Verbündeter unter der Hegemonie des Proletariats. Dazu müssen seine Interessen von der Arbeiterbewegung aufgegriffen und gegen die unterdrückenden Klassen vertreten werden.

Das „Lumpenproletariat“ schließlich rekrutiert sich nicht bloß aus dem zerrütteten Kleinbürgertum, sondern auch aus bankrotten Kapitalisten und ehemaligen Proletariern. Es ist aus der geregelten kapitalistischen Eigentums- und Produktionsordnung ausgeschlossen. Im Marxismus gilt diese Klasse generell als unfähig und äußerst anfällig für allerhand irrationale Ideen. Tatsächlich hat sie bei der Bildung faschistischer Bewegungen wie das Kleinbürgertum eine wichtige Bedeutung. Beide Klassen neigen wegen ihrer Stellung im Produktionsprozess zu gewaltsamen, individualistischen und chaotischen Lösungen. Sie sind der bürgerlichen Ideologie vom Kampf aller gegen alle, anders als das nur solidarisch kampffähige Proletariat, ausgeliefert.

Diese Klassen bilden die kapitalistische Klassengesellschaft. Sie zu ignorieren heißt, die Anatomie dieser Gesellschaft zu ignorieren; heißt, ihre politischen Potenziale blind gleichzusetzen. Die Linke kann es sich nicht erlauben, politische Potenziale über einen Kamm zu scheren. Daher ist die historisch-materialistische Klassenanalyse für die Linke von großer Relevanz.


Powerpoint Präsentation über Klassenanalyse

Startseite | Kontakt | Sitemap | Redaktion | Webmail | Besuche: 51122

Realisiert mit SPIP 2.1.21 + ALTERNATIVES

RSSde RSSTheorie und Diskussion