Die Linke.SDS Köln

Zitat der Woche, 16.01.2012: Karl Kautsky’s 1989

Montag 16. Januar 2012 von Ш.Ю. Голц

„Den [...] Schädlichkeiten der diktatorischen Methode [Lenins] soll nun auch ein Vorzug gegenüberstehen: Sie liefere einen glänzenden Anschauungsunterricht.

Dieses Argument entspringt offenbar folgender Erwägung: In der Demokratie, in der die Mehrheit des Volkes herrscht, kann der Sozialismus erst zur Durchführung gelangen, wenn die Mehrheit für ihn gewonnen ist. Ein langer und mühseliger Weg. Weit schneller kommen wir zum Ziel, wenn eine energische, zielbewusste Minderheit sich der Staatsgewalt bemächtigt und sie zur Durchführung sozialistischer Maßnahmen benützt. Ihre Erfolge würden sofort überzeugend wirken und die Mehrheit, die bisher widerstrebte, rasch zum Sozialismus bekehren.

Das klingt sehr bestechend und klang schon so im Munde des alten Weitling. Es hat nur den einen Fehler, dass es gerade das voraussetzt, was bewiesen werden soll. Die Gegner der diktatorischen Methode bestreiten eben, dass eine sozialistische Produktion von einer Minderheit ohne Mitwirkung der großen Volksmasse durchzuführen sei. Misslingt aber der Versuch, so bietet er freilich auch einen Anschauungsunterricht, jedoch einen in entgegengesetzter Richtung, nicht einen anziehenden, sondern einen abschreckenden.

Leute, die sich durch einen solchen Unterricht bestimmen lassen und nicht durch ihr Erforschen und Prüfen der sozialen Zusammenhänge, die gedankenlosen Anbeter des bloßen Erfolges, werden bei einem Scheitern des Versuches nicht untersuchen, aus welchen Ursachen er nicht gelang. Sie werden nicht in der Ungunst oder der Unreife der Verhältnisse den Grund suchen, sondern im Sozialismus selbst, und werden schließen, er tauge überhaupt nichts.

[…] Die einzige Art von Anschauungsunterricht, die heute der Versuch einer Proklamierung der Diktatur zu produzieren vermöchte, wäre die Zwietracht im sozialistischen Proletariat. Sie könnte nur abschreckend wirken auf die große Masse des arbeitenden Volkes bei uns, auf die sozialistische Demokratie der Welt. Sie würde uns die Möglichkeit rauben, durch die Demokratie unsere Ziele zu erreichen, ohne auch nur im Geringsten die Möglichkeit zu schaffen, sie durch die Diktatur durchzusetzen.“

Karl Kautsky, 1918


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