Die Linke.SDS Köln

„Organisiert euch und verankert die Solidarität in eurer Schule, in eurem Studiengang, an eurem Arbeitsplatz.“ - Bildungsstreik-Rede am 17.11.2011

Sonnabend 19. November 2011 von Genosse Volja

Unser Genosse Leif Wolters hielt am 17.11.2011 auf der Bildungsstreik-Demo die unten dokumentierte Rede.

Hallo Leute!

Ich bin im Jahr 1990 geboren. Meine Eltern erzählen von diesem Jahr, dass sie gelegentlich den Fernseher anmachten und feststellten, dass die Welt quasi über Nacht nicht mehr die war, in der sie aufgewachsen waren: Der Ostblock brach zusammen und der Kalte Krieg war zu Ende.

Wenn ich heute Nachrichten sehe, geht es mir ähnlich wie ihnen damals. Die EU steht vor dem Zerfall, die USA kurz vor der Pleite und in der arabischen Welt haben sich die Menschen endlich gegen ihre Unterdrücker erhoben. Wir erleben eine neue Zeit des Umbruchs.

Nach 1990 hatten konservative Vordenker das „Ende der Geschichte“ angekündigt, weil sich ihrer Meinung nach der westliche Kapitalismus als überlegene Gesellschaftsform auf der ganzen Erde durchsetzen werde. Aber auch wenn nicht jeder dieses System als ungerecht empfindet, bloß weil seine Jeans in Kinderarbeit hergestellt sind; auch wenn der Klimawandel nur eine leise Ahnung davon liefert, dass es mit dem Wachstum nicht ewig weitergehen kann – die Finanzkrise, in der wir uns seit drei Jahren befinden, hat den Traum vom unfehlbaren Kapitalismus gründlich zerstört. Vielleicht brauchte es einen Knall, um die Träumer aufzuwecken?

Allerdings vollzieht sich die Geschichte, die angeblich beendet ist, nicht nur in Großereignissen wie dem Mauerfall und der Finanzkrise, sondern auch ganz lautlos. Unsere Gesellschaft verändert sich fortwährend, weil sich unsere Arbeitswelt verändert, und genau das macht unseren Protest für bessere Bildung so wichtig.

Ich rede von der Entwicklung, die manche als „Strukturwandel“ noch aus dem Erdkundeunterricht kennen, oder die anderswo als Übergang von der Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft bezeichnet wird. Früher war ein großer Teil der deutschen Bevölkerung direkt in der Industrie beschäftigt und hat teilweise einfache körperliche Tätigkeiten ausgeführt – beispielsweise Fließbandarbeit. Solche Tätigkeiten werden heute immer mehr von Maschinen oder von den Arbeiterinnen und Arbeitern in frisch industrialisierten Ländern wie Indien und China übernommen. In den entwickelten Staaten ist der Computer das wichtigste Arbeitsmittel und Wissen die wichtigste Ressource geworden. Zahlen aus den USA belegen den Trend: 1965 wurde dreimal so viel Geld in Produktionstechnik wie in Informationstechnik investiert, heute sind die Investitionen in Informationstechnik deutlich höher als in die Produktion.

Aber noch wichtiger als die bloße Informationstechnik sind die Menschen, die mit ihr arbeiten; die Produktivität hängt in der „Wissensgesellschaft“ vor allem von ihren individuellen Fähigkeiten ab, diese Fähigkeiten müssen erst durch eine langwierige Ausbildung, kapitalistisch ausgedrückt also eine Investition, erworben werden, und so verwandeln sich die Arbeiterinnen und Arbeiter von früher in „Humankapital“.

Für die Arbeiter bedeutet das, dass ihr Marktwert auf dem Arbeitsmarkt mehr denn je von ihrem Bildungsabschluss abhängt. Für viele Jobs, die früher Hauptschülern offenstanden, braucht man heute Abitur. Dadurch wird die Konkurrenz um gute Arbeitsplätze immer schärfer und immer mehr Menschen, insbesondere Kinder aus Arbeiter- und Migrantenfamilien, werden von der Gesellschaft abgehängt.

Obwohl die Entwicklung zur Wissensgesellschaft eigentlich eine große Steigerung des gesamtgesellschaftlichen Reichtums mit sich bringt, bedeutet sie momentan für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer eine Verschlechterung ihrer Lage und die staatlichen Bildungsausgaben müssten enorm steigen, allein um diesen Effekt abzufangen.

Aber ist es damit getan? Wohl kaum. Gute Bildung führt keineswegs automatisch zu guter Arbeit. Nehmen wir die wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Universitäten, also Leute, die mindestens 20 Jahre Ausbildung hinter sich haben. Von acht wissenschaftlichen Mitarbeitern haben momentan sieben lediglich befristete Arbeitsverträge.

Ich denke, dadurch, dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer heute stärker die Möglichkeit haben, durch Investitionen in ihr eigenes Humankapital, in der Konkurrenz zu ihren Kollegen, beruflich aufzusteigen, ist viel von der Solidarität verloren gegangen, die die Stärke der alten Arbeiterbewegung war. Doch vor allem durch diese Solidarität der Lohnabhängigen wurden in der Vergangenheit soziale Fortschritte erkämpft, Sozialversicherungen, 40-Stunden-Woche und so weiter.

Die Solidarität müssen wir unter den veränderten Bedingungen der Wissensgesellschaft wieder neu erlernen. Und das ist meiner Meinung nach die wichtigste Botschaft des Bildungsstreiks. So richtig und wichtig alle unsere einzelnen Forderungen sind; die meisten von uns wissen, dass sie nicht von jetzt auf gleich umgesetzt werden. Aber wenn tatsächlich Studenten, Auszubildende, Berufsschüler, Gymnasiasten und Hauptschüler – es ist eine traurige Wahrheit, dass bisher kaum Hauptschüler bei den Bildungsstreiks dabei waren – ihre gemeinsamen Interessen als die Lohnabhängigen von Morgen erkennen, dann können wir unsere Lebensbedingungen langfristig verbessern. Einzeln, in unseren Nischen auf dem Arbeitsmarkt, werden wir ausbrennen.

Zum Glück sind wir nicht allein mit unserem Unmut. Hier am Rudolfplatz beginnt um 17:30 eine Demonstration von Occupy Cologne unter dem Motto „Bildung für 100% statt Profite für 1%“. Der Kampf für bessere Bildung und der für die Regulierung der Finanzmärkte gehören zusammen. Denn nachdem sie zur Bankenrettung Rekordschulden aufgenommen hat, hat die Bundesregierung die sogenannte Schuldenbremse ins Grundgesetz aufgenommen und verbietet damit den Bundesländern, neue Kredite aufzunehmen. Damit sind weiterer Bildungs- und Sozialabbau vorprogrammiert. Es ist genau die gleiche Politik der Umverteilung von unten nach oben, die in diese Krise hineingeführt hat. Wir sollten also nicht auf die Lernfähigkeit der herrschenden Politik bauen. Aber wie die weltweite Occupy-Bewegung, die Jugendproteste in Spanien und in vielen anderen Ländern zeigen, beginnen immer größere Teile der Bevölkerung das zu verstehen und sich zur Wehr zu setzen. Auch in Deutschland kommt die Einsicht allmählich, und unsere Bildungsstreik-Bewegung hat viele Bündnispartner über unsere Generation hinaus. An dieser Demonstration hat etwa Gesine Lötzsch, Bundesvorsitzende der Partei DIE LINKE., teilgenommen, die hier noch einmal herzlich grüßen möchte.

Es ist ein Trend unserer Zeit, dass immer mehr Leute den traditionellen politischen Organisationen den Rücken kehren und gleichzeitig viel versprechende neue Formen der politischen Aktion aufkommen, so wie Internetplattformen, Flashmobs und thematische Initiativen. Trotzdem bin ich der Meinung, um aus einzelnen Protesten eine langfristig wirksame Opposition gegen die Profit-Interessen aufzubauen, braucht es auch feste politische Organisationen wie Parteien, Schüler- und Studierendenvertretungen, Betriebsräte und Gewerkschaften. In diesem Sinne: Organisiert euch und verankert die Solidarität in eurer Schule, in eurem Studiengang, an eurem Arbeitsplatz.

Wie am Anfang erwähnt, die Geschichte ist nicht zu Ende; die „Sachzwänge“, von denen unsere Politiker immer reden, sind vielleicht schon morgen keine mehr, und die Banken und Konzerne, die den Rest der Welt an der Nase herumführen, sind vielleicht gar nicht so unangreifbar, wie es scheint. Lassen wir uns nicht entmutigen, kämpfen wir weiter für unsere Zukunft.

Vielen Dank!


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