Die Linke.SDS Köln

Zitat der Woche, 13.02.2012: Georg Klaus zum Widerspruch

Sonntag 12. Februar 2012 von Ш.Ю. Голц

„[Ein dialektischer Widerspruch ist die] Relation zweier materieller oder geistiger Dinge, Eigenschaften, Prozesse usw. K1 und K2, die sich wie folgt beschreiben lässt:

a) K1 und K2 bedingen sich gegenseitig, setzen einander voraus.

b) Diese Einheit und das Sich-gegenseitig-Bedingen ist die Ursache der relativen Stabilität der Gebilde, die diesen Widerspruch in sich haben.

c) K1 und K2 sind einander entgegengesetzt, sie befinden sich miteinander in Widerstreit, im ‚Kampf‘ (dies im allgemeinen Sinne der Spieltheorie verstanden).

d) Während die Einheit von K1 und K2 Grundlage der relativen Stabilität ist, trägt der Kampf beider Komponenten die Tendenz zur Aufhebung des Widerspruchs und damit zur Änderung der Qualität, innerhalb derer der Widerspruch auftritt, in sich.

e) K1 und K2 entwickeln sich in unterschiedlicher Weise, und dies führt an einem bestimmten Punkt der Entwicklung zur maximalen Zuspitzung des Widerspruchs, zur Sprengung der Einheit und erzeugt einen Sprung, der die neue Qualität herbeiführt.

Es muss zwischen inneren und äußeren Widersprüchen unterschieden werden. Innere Widersprüche sind solche, die in bestimmten Systemen auftreten, das Wesen dieser Systeme ausmachen und deren Entwicklung letztlich bestimmen. Äußere Widersprüche sind die zwischen System und Umgebung. Die inneren und äußeren Widersprüche stehen ihrerseits in bestimmten Beziehungen zueinander. Hier geht es im wesentlichen um die Beziehung der Kategorie des dialektischen Widerspruchs zur Kybernetik. Wenn mit Recht davon gesprochen werden kann, dass die Kybernetik ihrem Wesen nach von Anfang an dialektisch und materialistisch war, so trifft dies insbesondere auf die Kategorie des dialektischen Widerspruchs und ihre Beziehungen zu zu dieser neuen Wissenschaftsdisziplin zu. Dynamische selbstregulierende Systeme, die der Grundtyp der kybernetischen Systeme sind, verdanken ihre relative Stabilität gegenüber äußeren Störungen bestimmten Formen der Rückkopplung. Ein solches System wird von einem inneren dialektischen Widerspruch beherrscht. Die beiden Komponenten K1 und K2 sind hier die unter dem Einfluss von Störungen erzeugte Tendenz der Regelgröße, vom Sollwert abzuweichen, und die von der Rückkopplung und dem Regler erzeugte Gegentendenz, die zur Rückkehr des tatsächlichen Werts der Regelgröße zum Sollwert führt. Eine Prüfung im einzelnen zeigt, dass die oben angeführten Merkmale des dialektischen Widerspruchs sämtlich gegeben sind. Der Regler bzw. der Sollwert und die Störungen, die auf die Regelgröße einwirken, können als zwei Partner eines strategischen Spiels betrachtet werden. Der oben skizzierte dialektische Widerspruch erscheint dann als Widerstreit im Sinne der naiven heraklitischen Dialektik. Unter diesem Aspekt kann die Spieltheorie als eine mathematische Theorie des dialektischen Widerspruchs betrachtet werden. Einer der beiden ‚Gegner‘ ist ‚geschlagen‘ (der dialektische Widerspruch hat sich aufgelöst), wenn er auf die ‚Züge‘ des ‚Gegners‘ keine ‚Gegenzüge‘ mehr hat. Für den Spieler ‚Umgebung‘ ist das Spiel ‚gewonnen‘, wenn er solche Störungen hervorbringen kann, die die Regelgröße über den Stabilitätsbereich hinaustreiben. Der Spieler ‚Regler‘ hingegen ‚gewinnt‘, wenn er bei jedem ‚Zug‘ des Gegenspielers die Regelgröße innerhalb des Stabilitätsbereiches halten kann.“

- Klaus, Georg (Hg.): „Wörterbuch der Kybernetik“, Berlin 1968, S. 141-143


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