Die Linke.SDS Köln

Zitat der Woche, 07.11.2011: Marxismus und Dialektik

Sonntag 6. November 2011 von Genosse Volja

„Meine dialektische Methode ist der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil. Für Hegel ist der Denkprozeß, den er sogar unter dem Namen Idee in ein selbständiges Subjekt verwandelt, der Demiurg des Wirklichen, das nur seine äußere Erscheinung bildet. Bei mir ist umgekehrt das Ideelle nichts andres als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle.“

Karl Marx

Heute geht es uns um Marxismus und Dialektik. Die Frage lautet scheinbar weniger, was Marxismus ist, sondern eher: „Was ist Dialektik?“ Ich werde versuchen, euch die Sache möglichst anschaulich und verständlich nahezubringen. Um mit dem Anschaulichen anzufangen, schauen wir uns erstmal ein Kino an. Schauen wir, was das Philosophische Kopfkino über die Dialektik sagt.

Was habt ihr aus diesem Kopfkino aufgegriffen? Womit hat Dialektik zu tun? Mit Dialog, Widerspruch, These-Antithese-Synthese, Sozialkritik, Hegel, Frankfurter Schule, Marx-Lenin-Stalin - und Hitler, wenn man dem Kopfkino ganz naiv trauen darf. Darf man aber nicht. Das sind nun einige Assoziationen, die sich jeder einbilden kann. Es macht die Sache aber noch nicht viel klarer. Bevor ich zur Definition und Konkretisierung der Dialektik komme und bevor ich ihr Verhältnis zum Marxismus thematisiere, will ich erst einmal einige Thesen über die Bedeutung der Dialektik aufstellen, damit ihr im Groben wisst, womit wir es zu tun haben und wozu Dialektik da ist.

Thesen

1. Dialektik ist die Art, in der sich die Welt, die Realität, das Sein bewegt.

2. Dialektik ist auch die Bewegungsweise des Denkens. Sie ist eine bewusste Denkweise oder Methode, die Realität zu begreifen.

3. Diese Methode ist das Fundament des Marxismus und zentral für „linkes“ Denken.

4. Dialektik ist eine revolutionäre Methode: eine Methode, die die Revolution, die revolutionäre Veränderung in der Realität im Hier und Jetzt sieht.

5. Als revolutionäre Methode ist sie kritisch, ihre Hauptaufgabe ist die Kritik.

6. Die dialektische Kritik ist Kritik an unrealistischen und also „undialektischen“ Ansichten. Das Fundament des Marxismus ist also die revolutionäre Methode der Dialektik, mit der man unrealistische und revolutionsfeindliche Ideologien kritisiert, um die verstaubten Verhältnisse wieder zu beleben, zu revolutionieren, „zum Tanzen zu bringen“. Marxisten wollen die Welt verstehen, um sie zu verändern, also müssen sie jede Unwahrheit und jede veraltete Wahrheit kritisieren. Das gilt auch für marxistische Erkenntnisse.

7. Zu den undialektischen Ideologien gehören lauter einseitige, dogmatische, unterkomplexe und willkürliche Phantastereien, die häufig unschöne Namen bekommen, um zu zeigen, worin ihre Mängel bestehen: „Objektivismus“, „Subjektivismus“, „Idealismus“ und „mechanischer Materialismus“, „Moralismus“, „Fatalismus“, „Voluntarismus“, „Metaphysik“, „Dogmatismus“, „Formalismus“, „Schematismus“, „Mechanizismus“, „Ökonomismus“, „Biologismus“ usw. Idealisten, Ökonomisten, Dogmatiker, Voluntaristen etc. denken undialektisch. Dass sie undialektisch denken, ist schlecht für den Wahrheitsgehalt ihrer Theorie.

8. Bei Marxisten ist das anders. Ein undialektisch denkender Marxist ist schnell und eigentlich kein Marxist mehr. Dialektiker und Marxisten vermeiden stets, selbst in die undialektischen Ideologien zu verfallen, können es aber nie ganz vermeiden. Das liegt aber nicht unbedingt an ihrer Unfähigkeit, sondern an der veränderlichen Natur der Dinge und des Menschen. Die guten Marxisten und guten Linken sind gute Dialektiker. Je dialektischer sie denken, desto bessere Theoretiker und Aktivisten sind sie. Je bewusster sie die Dialektik kennen, desto bewusster können sie linke Kritik formulieren und revolutionär handeln. Es gibt auch Menschen, die sich auf die Dialektik berufen und furchtbar undialektisch denken. Das ist aber nicht Fehler der Dialektik, sondern ein Missbrauch des Begriffs, um das Wesen dahinter zu verschleiern. Sie können keine Marxisten sein. Andererseits gibt es Menschen, die dialektisch denken und keine Marxisten sind. Je dialektischer sie denken, desto realistischer und besser sind ihre Theorien.

Definition und Beschreibung der Dialektik

Es gibt kurze und knappe Definitionen und sehr schwierige Definitionen der Dialektik. Bei Hegel, dem großen idealistischen Vordenker der dialektischen Logik gibt es diverse ziemlich schwer zu verstehende Definitionen (die man ruhig überlesen darf). Er sagt unter anderem:

„Das Dialektische [...] ist [...] überhaupt das Prinzip aller Bewegung, alles Lebens und aller Betätigung in der Wirklichkeit. Ebenso ist das Dialektische auch die Seele alles wahrhaft wissenschaftlichen Erkennens.“

Und ein gutes Stück schwieriger:

„Dialektik aber nennen wir die höhere vernünftige Bewegung, in welche solche schlechthin getrennt Scheinende durch sich selbst, durch das, was sie sind, ineinander übergehen, die Voraussetzung [ihrer Getrenntheit] sich aufhebt. Es ist die dialektische immanente Natur des Seins und Nichts selbst, daß sie ihre Einheit, das Werden, als ihre Wahrheit zeigen.“

Oder Dialektik sei „das treibende Moment des Vernünftigen innerhalb des Verstandesdenkens, durch das sich der Verstand schließlich selbst aufhebt.“

Bei anderen Dialektikern finden sich einfachere Definitionen und Beschreibungen.

Alexander Herzen nannte sie einfach die „Algebra der Revolution“.

Engels definierte Dialektik kurz als „Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens“.

Lenin nannte sie die „Erforschung des Widerspruchs im Wesen der Gegenstände selbst“, „die Lehre von der Einheit der Gegensätze“ und „die Erkenntnistheorie des Marxismus“.

Ernst Bloch verstand sie als den gründlichen und lebendigen Nachvollzug der Inhalte und Möglichkeiten der realen Bewegung.

Leo Kofler nannte sie „die alles durchdringende Methode des marxistischen Denkens“ und die „Vermittlung in der Totalität“.

Diese Definitionen und Umschreibungen der Dialektik verweisen also auf Widersprüchlichkeit, Revolution, Bewegung, Totalität. Aber sie erklären noch immer nicht viel. Sie sind zu abstrakt für uns und außerhalb des geschichtlichen Kontextes. Wir müssen die Dialektik also konkretisieren und sie aus ihrer Geschichte erklären. Ausreichende Konkretheit und Geschichtlichkeit sind übrigens selbst ganz wesentliche Aspekte der Dialektik!

Idealismus und Dialektik

Ich habe vorhin schon behauptet: Diese Methode ist das Fundament des Marxismus und zentral für „linkes“ Denken. Das lässt sich anhand der Geschichte der Dialektik nachvollziehen. Die Dialektik gab es schon früher, wie schon im Philosophischen Kopfkino vorhin angesprochen: Unter anderem beim griechischen Philosophen Heraklit, aber auch bei vielen anderen Denkern, die selbst weder links noch marxistisch waren. Heraklit z.B. betonte schon die Bewegung als wesentliches Prinzip der Welt. „Man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen.“, heißt es bei ihm. In Deutschland wird die Dialektik im 18. und 19. Jahrhundert zu einer der größten Errungenschaften der Philosophie. Hegel ist zu dieser Zeit der wichtigste Vertreter der Dialektik.

Allerdings war auch Hegel kein Marxist – wie denn auch? Marx lebte damals ja noch gar nicht! Kein Marxist also, aber immerhin ein genialer Dialektiker! Wieso war Hegel kein Marxist? Er gehörte zum Deutschen Idealismus. Marx war Materialist. Der deutsche Idealismus betrachtete die Dinge nicht, wie sie wirklich waren, wie sie sich aus sich selbst heraus entwickelten und wodurch sie sich so entwickelten. Sondern er sah nur irgendwelche Ideen, die die Welt bestimmten. Für Hegel ist es z.B. der „Weltgeist“, der sich selbst entwickelt, der sich seiner selbst bewusst wird und wodurch sich dann geschichtlicher Wandel ereignet. Das habe dann dazu geführt, dass in seinem eigenen philosophischen System, im System Hegels, die höchste Stufe des Weltgeistes und der Philosophie erreicht sei. Das zeigt erst einmal wie eitel Philosophen werden können. Aber es zeigt auch, welche Mängel die idealistischen Philosophen bis dahin hatten. Marx sagte dazu:

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern.“

Die Philosophen haben sich also ihre Systeme ausgedacht, aber nie wirklich verstanden, wieso die Dinge tatsächlich so sind wie sie sind und wieso sie sich verändern, so Marx. Marx und Engels sagten dazu auch:

„Philosophie und Studium der wirklichen Welt verhalten sich zueinander wie Onanie und Geschlechtsliebe.“

Die Philosophie der Idealisten sei also bloß die Vorstellung der wirklichen Welt, so wie man sie gerne hätte! Das erinnert mich auch an eine berühmte Figur aus der russischen Literatur, an Oblomow, einen reichen Gutsbesitzer, der viele große Träume hat, aber nie aus der Gemütlichkeit und Faulheit herauskommt, nicht mal für eine verehrte Frau. Aus dieser Kritik am Idealismus der Philosophen entsteht unter anderem der Marxismus. Abgesehen davon sind weitere Quellen des Marxismus die politische Ökonomie der Briten und die kommunistischen Utopien der Franzosen. Die Ökonomie lieferte das Studium der wirklichen Welt, die Kommunisten lieferten die Utopie und die idealistische Philosophie – was lieferte die? Sie lieferte eben nicht den Idealismus, der die Welt nur wahlweise interpretiert. Sondern sie lieferte die Dialektik! Allerdings keine philosophische, idealistische und spekulative Dialektik, wie bei Hegel, sondern eine modernere, historische, materialistische Dialektik. Marx dazu:

„Bei Hegel steht die Dialektik auf dem Kopf. Man muß sie umstülpen, um den rationalen Kern in der mystischen Hülle zu entdecken.“

Die Dialektik ist im Marxismus das Bindeglied zwischen Ökonomie und Utopie. Sie erklärt, wie die kapitalistische Ökonomie in Richtung Kommunismus treibt! Sie erklärt, wie die Widersprüche im Kapitalismus zu seinem Ende führen, wie also die kapitalistische Realität die Revolution in sich trägt. Als Marx seine Dialektik gerade erst aus der Hegelschen Dialektik entwickelt hat, nannte er sie einfach „meine dialektische Methode“. Später nannte man diese Methode dann „materialistische Dialektik“ oder „dialektischen Materialismus“, um sie gegen die idealistische Dialektik bzw. den dialektischen Idealismus von Hegel abzugrenzen. Die Dialektik ist also aus dem Idealismus herausgeschält worden. Soweit zur Entstehungsgeschichte der Dialektik.

Metaphysik und Dialektik

Im Marxismus wird zwischen metaphysischem Denken und dialektischem Denken unterschieden. Trotzki verglich das metaphysische Denken mit einem Foto oder einer Fotoreihe, wo die Realität nur starr und einmalig darstellt ist. Das dialektische Denken verglich er hingegen mit dem Film, der flexibel ist, der die einzelnen Bilder verknüpft, sie bewegt und lebendig darstellt. Das metaphysische Denken verlegt die Gründe für die Entwicklung von Dingen nach außen. Die Entwicklung liegt nicht am Wesen der Gegenstände selbst, sondern an „höheren“ Gesetzen: das positivistische „Gesetz der drei Phasen“, durch welche die Weltgeschichte von einer primitiven religiösen Phase zur wissenschaftlichen Phase gelange; dann die pseudomarxistische Stufentheorie, nach welcher die Weltgeschichte zwangsweise in jedem Land vom Feudalismus über den Kapitalismus zum unvermeidlichen Kommunismus führe; oder irgendwelche religiösen Fantastereien über Gottespläne, die die Weltgeschichte steuern. Die israelische Staatsideologie, der Zionismus, besagt, dass ein friedliches Zusammenleben von Juden und Nichtjuden prinzipiell nicht möglich ist. Der Zionismus war keine dialektische Antwort auf den Antisemitismus, sondern eine pessimistische und konservative Reaktion. Das alles sind hervorragende Beispiele für Metaphysik, für Idealismus und dogmatischen Schematismus. Sie erklären nicht wirklich, wieso es zu Veränderungen kommt, sondern interpretieren ganz idealistisch die Welt, wie sie sie gern hätten. Man erinnere sich an die Onanie.

Marxismus und Dialektik

Subjekt und Objekt

Gehen wir jetzt zur konkreteren Analyse der materialistischen Dialektik über. Lenin nannte sie die „Erforschung des Widerspruchs im Wesen der Gegenstände selbst“. Das dialektische Denken sieht den Grund für die Veränderung eines Gegenstandes innerhalb dieses Gegenstandes selbst! Ganz anders als starres metaphysisches Denken. Die Gesellschaft verändert sich nicht durch herbeifantasierte Gesetze, sondern weil die Menschen neue Technik und Werkzeuge, neue wissenschaftliche Erkenntnisse, neue Ideen und neue gesellschaftliche Phänomene etc. produzieren, kurz: „Die Menschen machen ihre Geschichte selbst“, wie Rosa Luxemburg es ausdrückte.

Das führt uns weiter zu einem der wichtigsten Probleme der Dialektik, zur „Subjekt-Objekt-Dialektik“. Marx beschreibt das Verhältnis von Subjekt und Objekt so:

„Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“

Salopp gesagt: Der Mensch kann zwar viel fantasieren und philosophieren, aber er kann nicht annähernd so viel tatsächlich verwirklichen. Jedenfalls nicht sofort und meist nicht so, wie er sich das vorgestellt hat. Als handelndes Subjekt lebt der Mensch unter bestimmten geschichtlichen Bedingungen, die seine Freiheit beschränken. Diese Bedingungen sind eben das Objekt. Er ist dem Objekt aber auch nicht völlig ausgeliefert. Das wäre sonst Fatalismus, das wäre die altersschwache Frankfurter Schule, die „Kritische Theorie“ von Adorno und Horkheimer. Oder es wäre der Ökonomismus der Menschewisten (Plechanow, Martow, Martinow) und „Rätekommunisten“ (Rühle, Mattick, Pannekoek, Brendel). Der Mensch kann auf die äußeren Bedingungen einwirken und sie in gewissen Grenzen verändern. Ein Zerreißen dieser Dialektik von Subjekt und Objekt in der Theorie führt zu „Dualismus“ und damit zu aller Art undialektischer Betrachtung. Die komplexe und lebendige Dialektik verschwindet aus dem Blick und an ihre Stelle treten metaphysischer Idealismus und metaphysischer Materialismus. Geist und Umwelt scheinen nichts miteinander zu tun zu haben, der Geist schwebt in völliger Freiheit herum und die Umwelt ist ein einziges Chaos oder ein blinder Mechanismus in der Natur. Der Mensch erscheint dann auch schnell als zu Veränderung unfähig oder als bloße Maschine. Seine Erkenntnisfähigkeit und Handlungsfähigkeit, die zur revolutionären Veränderung nötig sind, fallen unter den Tisch.

Optimismus und Hoffnung

Adorno sagt z.B. zu Recht, es gäbe einen "Verblendungszusammenhang der bürgerlichen Gesellschaft“, der die Menschen zu Passivität, zu Opfern des Kapitalismus und zum bloßen Objekt mache. Bei ihm wird aber so getan, als wären die Menschen und vor allem die Arbeiterklasse nicht mehr fähig, Subjekt zu sein. Er wird dadurch ein großer Metaphysiker und seine ganze Kritik am Kapitalismus wird bloße Philosophie oder intellektuelle Onanie, weil er keinen Ausweg ausmachen kann. Ohne Subjekt keine Veränderung, ohne Veränderung keine Hoffnung, ohne Hoffnung keine Revolution. Daraus erklärt sich der hoffnungslose Pessimismus vieler „Kritischer Theoretiker“ und ihrer Nachfolger: den Postmodernen und den „Anti-Deutschen“. Alle diese undialektischen Kritiker des Kapitalismus sehen keine revolutionäre Perspektive. Ein begründeter Optimismus und Hoffnung sind aber wesentliche Prinzipien des Marxismus und der Handlungsfähigkeit im Allgemeinen. Bloch widmete diesem Thema ein ganzes Buch. Adorno & friends bestätigen sich und andere durch ihren Pessimismus nur darin, dass es mit ihnen keinen Ausweg gibt. Sie behindern die revolutionäre „Praxis“.

Praxis

Die „Praxis“ ist aber ein weiterer unabdingbarer Aspekt der Marxschen Dialektik. Wird die Praxis vernachlässigt, so fällt man zurück in die undialektische und bloß philosophische Betrachtung, die Marx schon am metaphysischen Materialismus so kritisiert hat:

„Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Feuerbachschen mit eingerechnet) ist, daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv. Daher [wurde] die tätige Seite [wenn auch nur] abstrakt im Gegensatz zu dem Materialismus von dem Idealismus – der natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt – entwickelt. Feuerbach will sinnliche – von den Gedankenobjekten wirklich unterschiedne Objekte: aber er faßt die menschliche Tätigkeit selbst nicht als gegenständliche Tätigkeit (…) Er begreift daher nicht die Bedeutung der revolutionären, der praktisch-kritischen Tätigkeit.“

Totalität

Spaltung von Subjekt und Objekt und Spaltung von Theorie und Praxis sind Beispiele für die Zerstörung von Dialektik. Solche Spaltungen sind einseitig, betonen nur eine Seite. Oder sie können die verschiedenen Seiten einer Erscheinung nicht mit einander verbinden. Sie betrachten nicht das Ganze, nicht die „Totalität“, einen weiteren absolut notwendigen Aspekt von Dialektik. Sie verhindern eine „Vermittlung in der Totalität“, wie Leo Kofler die Dialektik nannte. Nicht die platte Behauptung, dass die Wirtschaft das Leben der Menschen beherrscht oder gar all ihre Handlungen antreibt, ist zentral für den Marxismus - das wäre Ökonomismus. Auch nicht, dass die soziale Lage eines Menschen ihn zum Sklaven seiner Umstände macht – das wäre Determinismus. Das rein theoretische Ziel dialektischer Betrachtung ist vielmehr die Rekonstruktion der komplexen Realität. Ziel ist, eine konkrete Vorstellung der zuvor unverstandenen Realität zu gewinnen. In „Das Kapital“ schildert Marx seine Methode folgendermaßen:

„Es scheint das Richtige zu sein, mit dem Realen und Konkreten, der wirklichen Voraussetzung zu beginnen, also z.B. in der Ökonomie mit der Bevölkerung... Indes zeigt sich dies bei näherer Betrachtung (als) falsch. Die Bevölkerung ist eine Abstraktion, wenn ich z.B. die Klassen, aus denen sie besteht, weglasse. Diese Klassen sind wieder ein leeres Wort, wenn ich die Elemente nicht kenne, auf denen sie beruhn, z.B. Lohnarbeit, Kapital etc... Finge ich also mit der Bevölkerung an, so wäre das eine chaotische Vorstellung des Ganzen und durch nähere Bestimmung würde ich analytisch immer mehr auf einfachere Begriffe kommen; von dem vorgestellten Konkreten auf immer dünnere Abstrakta, bis ich bei den einfachsten Bestimmungen angelangt wäre. Von da wäre nun die Reise wieder rückwärts anzutreten, bis ich endlich wieder bei der Bevölkerung anlangte, diesmal aber nicht als bei einer chaotischen Vorstellung eines Ganzen, sondern als einer reichen Totalität von vielen Bestimmungen und Beziehungen.“

Marx sagt also, dass man die Realität, die konkrete Totalität, nicht einfach so erkennen kann, sondern dass es zuvor eine Analyse aller wichtigen Phänomene geben muss, die dann wieder in ein Ganzes zusammengefasst werden müssen. Erst dann sieht man die Dinge dialektisch, realistisch, in ihrem wirklichen Zusammenhang. Hat man das nicht erreicht, verbleibt man zwangsweise auf einem sehr abstrakten Niveau und kann entsprechend Niemanden vom Antikapitalismus überzeugen.

Pseudokonkretheit und konkrete Totalität

Oder schlimmer noch, man versteht z.B. Kapitalismus nicht als die Gesamtheit bestimmter sozialer Verhältnisse, die immer wieder Ausbeutung, Unterdrückung, Krieg reproduzieren, sondern man schiebt das auf die Bosheit oder Dummheit von Kapitalisten und Politikern. Oder auf „die Juden“. Oder man glaubt, dass Pazifismus und guter Wille die idealen Methoden sind, um die Welt zu retten. Es ist aber viel komplizierter. Und deswegen braucht man konkrete Analyse und Dialektik und nicht solchen Moralismus. Aber die Leute wollen häufig nicht einsehen, dass ihre Vorstellungen falsch und bequem sind. Sie glauben, ihre Vorstellung der Realität sei bereits konkret. Karel Kosik nennt diese Alltagsvorstellung die „Pseudokonkretheit“, die man mit Dialektik zerstören muss. In der Diskussion und im revolutionären Kampf zeigt sich, dass ein guter Dialektiker, der seinen Stoff beherrscht, die besseren Argumente liefert. Er versteht die Realität besser, für ihn ist sie nämlich wirklich konkret. Für den Dogmatiker der Pseudokonkretheit ist sie sehr abstrakt, weswegen er immer wieder nur nicht zu Ende gedachte Phrasen und schwache Argumente bringt.

Utopisches Menschenbild und sozialistische Utopie

Kluge und würdige Argumente gegen den Sozialismus wären ganz konkrete Argumente, die auf diese oder jene politischen Fehler, auf Beschränkungen der Wissenschaft heute, der Demokratie heute, der Bildung heute etc. verweisen würden. Aber diese Argumente sind nur hilfreich für den Sozialismus. Sie erklären sein bisheriges Scheitern. Es gibt aber auch eine andere Sorte von Argumenten. Zu den rational gesehen schwächsten Argumenten gegen die revolutionäre Theorie, die linke Kritik und den Marxismus gehören das Menschenbild-Argument, das Ostblock-Argument und das Utopie-Argument.

Dass der Mensch böse, egoistisch oder zu ungebildet sei ist eine Phrase ohne Gleichen. Nur das völlige Ausblenden des geschichtlichen Fortschritts und des menschlichen Verhaltens rechtfertigt diese Position.

Das Argument, dass der Osblock ja gezeigt habe, wozu der Sozialismus führt, ist ebenso platt. Menschen tun ständig Dinge im Namen des Gegenteils. Die konkrete Analyse zeigt, dass der Ostblock wenig mit einer möglichen sozialistischen Zukunft zu tun hat.

Und das Argument, wonach der Sozialismus nur eine Utopie sei, der eben deswegen nicht zu verwirklichen sei, weil er eine Utopie sei, beruht nicht auf dem Utopismus der Sozialisten, sondern auf der utopischen Vorstellung von Sozialismus, die hinter diesem Argument steckt und auf einem völligen Mangel dessen, was dialektisches und kritisches Denken ausmacht. Für den Dialektiker ist der Sozialismus keine bloß utopische Idee, sondern es ist ein Ziel, dass durch die reale Bewegung im Kapitalismus möglich wird und von revolutionär gesinnten Menschen gemacht werden wird oder eben nicht.

Alle drei Argumente sind aber die Hauptargumente, die die Leute spontan entwickeln und in der Diskussion anbringen. Es sind die abstraktesten Argumente und die besten Beispiele für die „Pseudokonkretheit“ in den Köpfen der Menschen. Sie sind nicht konkret, nicht dialektisch, nicht sonderlich rational. Aber sie sind wirkmächtig und fesselnd. Sie zementieren die jetzigen Verhältnisse. Sie justieren die Menschen im Zahngetriebe der kapitalistischen Maschinerie. Die Band „Rage Against the Machine“ heißt genau deswegen so, weil die Menschen nicht mehr wie ein Zahnrad in der Maschine mechanisch und zombiegleich das Selbe tun sollen, sondern sich als Individuen, sich lebendig, und kritisch verhalten sollen.

Das oberste Ziel der Marxisten der Gegenwart sollte es sein, die Schrauben in der kapitalistischen Maschine zu lockern. Wir Linken haben die Schrauben schon locker sitzen, es kommt darauf an, dass so viele Schrauben locker werden, dass die kapitalistische Maschine zusammenbricht. Und die Dialektik ist die revolutionäre Bewegung und das Denken für die Methode, die zur Aufhebung des Kapitalismus verhelfen.

Literatur

Leo Kofler: Geschichte und Dialektik.

Leo Kofler: Die Wissenschaft von der Gesellschaft. Umriß einer Methodenlehre der dialektischen Soziologie.

Karel Kosik: Die Dialektik des Konkreten. Eine Studie zur Problematik des Menschen und der Welt.

Leo Trotzki: Über dialektischen Materialismus

Leo Trotzki: Das ABC der materialistischen Dialektik

MODELLE DER MATERIALISTISCHEN DIALEKTIK

Texte auf Hegelito.de zu Dialektik


Powerpoint Präsentation über Marxismus und Dialektik

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